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Seestadt Aspern in Wien
Städte & Quartiere

Stadtentwicklung: „Dichte Städte sind immer auch tolerante Städte“

Ein neuer Trend in der Stadtentwicklung: Neue Wohnungen werden heute oft im Quartiersmaßstab geplant und gebaut. Das ist auch gut so, meint Thomas Jocher, Architekt und Professor am Institut Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart. Denn neue Stadtviertel sind bunter und lebendiger, wenn sie im großen Maßstab geplant werden. Im Zusammenleben müssen wir jedoch toleranter werden.

  • Professor Thomas Jocher ist seit 1997 Direktor des Instituts Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart. Er wurde 1952 in Benediktbeuern geboren


Modell Quartier der Zukunft

W&G: Warum werden neue Bauprojekte immer häufiger im Quartiersmaßstab geplant?

Thomas Jocher: Wenn ich im Quartiersmaßstab plane, kann ich die Stadtentwicklung viel besser steuern: Wie arrangiere ich die Wohngebäude? Wo laufen die Straßen? Wo sind Haltestellen für den öffentlichen Nahverkehr? Wie viele Flächen plane ich für Unternehmen? Welche Gemeinschaftseinrichtungen brauche ich? Wie viele Schulen baue ich? Wo soll der Supermarkt sein? Wo der Park?

Das klingt aber nicht nach einem reinen Wohnquartier…

So etwas planen wir heute auch gar nicht mehr. Denn niemand möchte gerne in einem reinen Wohngebiet leben und weite Strecken zurücklegen, um zur Arbeit, zur Ausbildung oder auch zum Einkaufen zu fahren. Besser wäre es doch, wenn der Arzt und Supermarkt um die Ecke sind und auch die Kinder zu Fuß zur Schule gehen können. Niemand mag reine Gewerbegebiete, die am Wochenende völlig verwaist sind. Besser ist es, gemischte Quartiere zu schaffen, in denen Menschen leben, aber auch arbeiten. Wir haben heute ja viel bessere technische Möglichkeiten, das Arbeiten in die Wohngebiete zu integrieren, als es noch vor 50 Jahren der Fall war. Das ist ein großer Hebel für die Stadtplanung. Denn lebendig wird ein Quartier erst durch die Mischung – durch die soziale Mischung, aber auch durch die wirtschaftliche und funktionale Mischung.


Modell Quartier der Zukunft

»Lebendig wird ein Quartier erst durch die Mischung – durch die soziale Mischung, aber auch durch die wirtschaftliche und funktionale Mischung«

Professor Thomas Jocher, Instituts Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart.
Professor Thomas Jocher, Instituts Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart.
Professor Thomas Jocher, Instituts Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart.

Möchte denn jeder in solch einem durchmischten Quartier leben?

Die meisten Menschen wollen in einer dichten Stadt leben und arbeiten, mit einem großen kulturellen Angebot und guten Einkaufsmöglichkeiten. Am liebsten haben wir nur ein paar Hundert Meter zur Schule und zur Arbeit. Die Wohnung soll möglichst mit viel Grün umgeben sein, idealerweise am Rande eines Parks liegen. Und auch der U-Bahn-Ausgang soll sich nach Möglichkeit direkt vor dem Haus befinden. Ein durchmischtes Quartier ist lebendig und abwechslungsreich, bringt aber auch Konflikte mit sich.

Was sind typische Konflikte?

Das beste Beispiel ist der Biergarten oder die Kneipe unten im Haus: Solange die Hausbewohner jung sind, freuen sie sich darüber. Schließlich können sie sich dort schnell mal mit Freunden treffen, müssen nicht weit fahren. Wenn sie dann aber älter werden und selbst Kinder haben, stört der Lärm des Biergartens, vor allem in den Abendstunden.
Ähnlich sieht es beim Handwerker im Hinterhof aus: Wenn der morgens um sieben Uhr seine Lieferungen bekommt, seine Wagen belädt und seine Angestellten losschickt, macht das natürlich Krach. Wenn aber jemand im Haus mal einen Handwerker braucht, freut er sich, wenn er nicht die Anfahrt durch die ganze Stadt bezahlen muss. Solche Konflikte müssen wir aushalten. Denn eine dichte Stadt ist immer auch eine tolerante Stadt.


In der es darum geht, die Wege möglichst kurz zu halten?

Genau. Mobilität ist heute eines der großen Themen in der Stadtplanung. Dabei muss man beachten, dass gerade Freizeitbewegungen den größten Part der innerstädtischen Bewegungen ausmachen. Wenn es also in jedem Quartier ein gutes Freizeitangebot, kulturelle Einrichtungen, Cafés und Gaststätten, ein Kino oder Erholungsangebote wie einen Park oder einen See gibt, müssen die Leute auch nicht so oft ins Auto steigen. Die anderen Fahrten, also zur Arbeit, zum Einkauf und zur Ausbildung, sind da fast schon nachrangig.
Aber natürlich müssen auch diese wichtigen Alltagsfunktionen in der Nähe sein. In einem gut geplanten Quartier ist es möglich, dass jeder mit dem Fahrrad zum Bäcker oder Supermarkt radelt – auch wenn es regnet oder schneit.

Was gehört denn sonst noch in ein Idealquartier?

Das kommt auf die Größe des Quartiers an. Je mehr Menschen in dem neuen Quartier leben sollen, desto mehr Flächen braucht es für die Wohnnebennutzung. Neben dem Wohnungsbau und den Flächen für Freizeitangebote und Unternehmen sind das Schulen und Kindergärten, bei sehr großen Gebieten sakrale Räume oder auch ein Krankenhaus. Außerdem muss die technische Infrastruktur an die Größe des Quartiers und die Zahl seiner Bewohner angepasst sein.

Gibt es Musterbeispiele gut geplanter Quartiere?

Ein Musterbeispiel ist die Seestadt Aspern in Wien. Dort wurde ein ganz neuer Stadtteil für mehrere Zehntausend Menschen um einen künstlich geschaffenen See herum gruppiert – samt Einkaufsstraße und Technologiezentrum. Aber auch Quartiere wie der Heilbronner Neckarbogen oder München-Freiham können durchaus als Vorzeigequartiere herhalten.
Wichtig ist aber bei allen Quartieren: Man muss ihnen Zeit geben, sich zu entwickeln und individuelle Eigenschaften zu entfalten. Am Anfang sieht jedes neue Quartier aus wie vom Reißbrett. Erst mit den Menschen, die sich dort ihr Zuhause schaffen, werden sie einzigartig und lebenswert.

Thomas Jocher im Interview