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Stadtzentrum von Brillon
Politik & Wohnen

Attraktives Landleben: Politik für eine starke Heimat

Viele ländliche Regionen leiden unter Abwanderung und Überalterung. Bund und Länder wollen das Ändern und das Landleben abseits der urbanen Zentren attraktiver machen. Manche Stadt konnte davon schon profitieren.

  • Bayern: Die Verlagerung von rund 70 Behörden bringt mehr als 2.700 Jobs in Regionen abseits von München.
  • Hessen: Mit rund 400 Millionen Euro im Jahr stabilisiert Hessen die Kommunen im Land finanziell
  • Nordrhein- Westfalen: investiert rund 150 Millionen Euro in die „Gestaltung der Heimat“ und damit zur Verbesserung des Landlebens. Das Programm läuft bis 2022.


Abgehängte ländliche Regionen: Diese Bezeichnung mag Christof Bartsch gar nicht. „Das ist eine irreführende Bezeichnung. Wir empfinden uns eher als einen attraktiven Lebens- und Wirtschaftsraum im Grünen.“ Bartsch ist seit mehr als fünf Jahren Bürgermeister der Stadt Brilon. Die liegt im Hochsauerlandkreis mitten in Deutschland, keine hundert Kilometer entfernt von Kassel und Dortmund.
Obwohl der Hochsauerlandkreis eine Region mit typischen ländlichen Problemen wie veralteter Infrastruktur, Überalterung und Abwanderung ist, geht es der Stadt gut.
Sie weist eine starke Wirtschaft, Vollbeschäftigung und geringe kommunale Schulden auf. Das ist kein Zufall: Brilon mit seinen rund 26.500 Einwohnern tut seit langer Zeit viel für attraktive Lebensbedingungen: Ausbildungsinitiativen steuern dem Fachkräftemangel und der Abwanderung entgegen, und touristisch setzt sich Brilon unter der Überschrift „Stadt des Waldes“ als Hot- spot für Hiker und E-Biker in Szene. „Mit unserem breit gefächerten Arbeits- und Freizeitangebot sind wir sehr attraktiv“, so Bartsch. Hier ist das Landleben schön.
Brilon steht exemplarisch für einen erfolgreichen Teil Deutschlands. Die Wirtschaft brummt, und die Arbeitslosigkeit ist historisch niedrig. Aufs ganze Land gesehen ist das Bild allerdings weitaus differenzierter.

Wohnen auf dem Land führt oft zu Frust in der Bevölkerung
Denn viele Regionen in Deutschland drohen ab- gehängt zu werden. Jede fünfte von ihnen ist schlecht für die Zukunft aufgestellt, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kürzlich fest- gestellt. Und das gilt nicht nur für dünn besiedelte, ländliche Regionen – auch urbane Industriereviere weisen teilweise eine schlechte Infrastruktur, hohe Abwanderung, Alterung und steigende Perspektivlosigkeit auf. Diese Ungleichheit der Lebensverhältnisse im Vergleich zu prosperieren- den Regionen führe zu Frust in der Bevölkerung und zu „gefährlichen Abwärtsspiralen“, warnen die IW-Forscher.
Das soll sich ändern, Wohnen auf dem Land soll attraktiver werden. Schon das Grundgesetz fordert die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse, und nun hat die Bundesregierung die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ eingesetzt, in der neben Bundesminister Horst Seehofer die Bundesministerinnen Franziska Giffey und Julia Klöckner sowie weitere Behörden und Einrichtungen mitgearbeitet haben. „Deutschland ist ein vielfältiges Land. Seine Vielfalt ist Teil der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik“, heißt es im Abschlussbericht, der Vorschläge für die Weiterentwicklung einer aktiven Struktur- und vor allem Regionalpolitik enthält: Bessere regionale Förderung, ein Ausbau der Infrastruktur sowie Unterstützung bei Barrierefreiheit, Kinderbetreuung und Ehrenamt sollen die Lebensqualität in abgehängten Regionen verbessern. Außerdem will der Bund künftig bei allen Gesetzesvorhaben prüfen, wie sie sich auf die Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland auswirken.

»Wir empfinden uns eher als einen attraktiven Lebens- und Wirtschaftsraum im Grünen«

Christof Bartsch, Bürgermeister der Stadt Brllon
Christof Bartsch, Bürgermeister der Stadt Brilon
Christof Bartsch, Bürgermeister der Stadt Brilon

Urbanisierung statt Landflucht: Heimatpolitik in den Bundesländern

In den kommenden Jahren will der Bund so politisch aktiv werden – und kann dabei auf Vorbilder in den Bundesländern zurückgreifen. Bayern beispielsweise verfügt seit 2013 über ein Heimatministerium – denn wirtschaftlicher Niedergang und demografischer Wandel sorgen dort dafür, dass sich vor allem die nord- und ostbayerischen Regionen abgehängt fühlen.

Darum will das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und für Heimat gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen im Freistaat ermöglichen, indem die Kommunen finanziell und beim Ausbau der Infrastruktur unterstützt werden. Ein wichtiges Element aktiver Strukturpolitik ist dabei die Verlagerung von rund 70 Behörden und staatlichen Einrichtungen, die mit mehr als 2.700 Arbeits- und über 900 Studienplätzen gezielt in Regierungsbezirke  abseits der Landeshauptstadt umgesiedelt werden. Hessen hat das „Die Starke Heimat Hessen“- Programm ins Leben gerufen, um die 444 Kommunen im Land zu stärken. Rund 400 Millionen Euro im Jahr stellt das Bundesland zusätzlich zur Verfügung, um die Kommunen finanziell zu stabilisieren. Gleichzeitig sollen durch den Ausbau der Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung und Digitalisierung vom Abstieg bedrohte Gemeinden attraktiv bleiben.


Seit 2017 „heimatet“ auch das bevölkerungs- reichste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Denn hier sind ebenfalls einige Regionen vom strukturellen Abstieg bedroht. Die Landesregierung will gegensteuern und dazu neue Ansätze aufgreifen: Rund 150 Millionen Euro investiert sie bis zum Jahr 2022 in die „Gestaltung der Heimat vor Ort, in Städten, Gemeinden und in den Regionen“, wie es im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung heißt. Fünf Elemente stehen dafür zur Verfügung: jeweils unterschiedlich dotierte Heimat-Schecks, -Preise, -Werkstätten, -Fonds und -Zeugnisse sollen Menschen für lokale und regionale Besonderheiten begeistern und die Vielfalt in Nordrhein-Westfalen sichtbarer machen.
Auch Brilon hat von diesen Maßnahmen profitiert: Die Stadt mit ihren 16 dazugehörigen Dörfern hat ein Dorfgemeinschaftshaus saniert, Fördermittel für ehrenamtliche Projekte erhalten und Dorfplätze mit Geld aus dem Heimat-Fonds verschönert. „Diese Förderung ist aus unserer Sicht gut geeignet, und sie ist sehr unbürokratisch – das ist wirklich neu“, sagt Bürgermeister Bartsch. „Uns ist es gelungen, unsere Stadt noch attraktiver für Einwohner und für Touristen zu machen.“