Wohnen & Gesellschaft

Illustration Cooconing W&G
Politik & Wohnen

Heimeligkeit als Lebensprinzip

Lifestyle-Magazine rufen immer wieder den Trend zur Heimeligkeit und damit zum Rückzug ins private Umfeld aus. Gleichzeitig nimmt aber auch der Wunsch nach Kommunikation zu. „Social Cocooning“ verbindet beide Entwicklungen – und steht für eine neue Lagerfeuermentalität.

  • 16 % der Bevölkerung bevorzugen das „häusliche Wohnkonzept“
  • 20 % der Befragten gehören zur Gruppe „kommunikatives Wohnkonzept“


Der Titel des Hochglanzmagazins hat es in sich. „Cocooning macht jetzt unser Leben schöner“, schreibt das Blatt und meint damit den „neuen Trend zur Gemütlichkeit“. Der sei ganz leicht umzusetzen: „Statte dein Wohnzimmer mit einer großen Couchlandschaft für gemütliche Abende oder romantische Stunden aus, lege flauschige Teppichböden für einen Instant- Kuschel-Effekt aus und lege dir einen großen Esstisch zu, an dem jeder Platz hat.“
„Instant-Kuschel-Effekt“: Diesen Begriff hätte sich die US-amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn wohl nicht träumen lassen, als sie in den 1980er-Jahren den Ausdruck „Cocooning“ prägte. Er leitet sich vom Wort „Cocoon“ (deutsch: Kokon) ab und spielt auf die Verpuppung von Insekten wie etwa Schmetterlingen an. In ihrem Buch „The Popcorn Report“ definiert die Zukunftsforscherin Cocooning als „Impuls, sich ins Innere zurückzuziehen, wenn es draußen zu hart und erschreckend wird“. Es gehe darum, einen Sicherheitspanzer anzulegen, sodass man nicht mehr einer niederträchtigen, unberechenbaren Welt ausgeliefert sei.
Dass dieser Rückzug ins Private auch heute noch aktuell ist, zeigt sich im sprachlichen Bereich. Seit einiger Zeit erlebt das dänische Wort „hygge“, das den Wunsch nach einem gemütlichen Zuhause ausdrückt, einen wahren Boom. Und parallel dazu hat sich der Begriff „Heimeligkeit“ in der deutschen Sprache eingebürgert. Der Duden von 1996 kannte ihn noch nicht.
„Für die Befragten ist das Zuhause ein überaus wichtiger Rückzugsort“, stellt Mirjam Mohr fest, Mitglied des Vorstands des Baufinanzierers Interhyp, der in seiner „Wohntraumstudie“ regelmäßig die Wohnwünsche der Deutschen unter die Lupe nimmt. „Fast alle verbinden mit dem Zuhause Geborgenheit und Gemütlichkeit“, sagt Mohr. Zugleich aber sei das Zuhause „ein sozialer Ort, der die Menschen mit Freunden und Familie verbindet“.

»Damals meinte der Begriff die Beschäftigung mit sich selbst, heute geht es um die Beschäftigung mit dem unmittelbaren Umfeld, dazu gehört auch die Nachbarschaft«

Johannes Dorn, Mitglied der Geschäftsführung des Rheingold Instituts
Illustration Cocooning

Austausch gewünscht

Das zeigt, dass Heimeligkeit nicht mit Abschottung gleichzusetzen ist, sondern auch den Austausch mit anderen Menschen beinhaltet. Das Verständnis von Heimeligkeit, wie es in den 1980er- und 1990er-Jahren formuliert wurde, sei heute nicht mehr im Trend, betont deshalb Johannes Dorn. Er ist Mitglied der Geschäftsführung des Rheingold Instituts, das auf tiefenpsychologische Marktforschung spezialisiert ist. „Damals meinte der Begriff die Beschäftigung mit sich selbst“, erläutert Dorn. „Heute geht es um die Beschäftigung mit dem unmittelbaren Umfeld, dazu gehört auch die Nachbarschaft.“
Das vom bekannten Zukunftsforscher Matthias Horx gegründete Zukunftsinstitut hat dafür den Begriff des „Social Cocooning“ geprägt. „Social Cocooning ist eine neue Lagerfeuermentalität, deren Kern ein auf Kontakt basierendes Zusammentreffen von Menschen in entspannender Wohnzimmeratmosphäre ist“, schreibt Zukunftsinstitut-Mitarbeiterin Anja Kirig in einer Untersuchung. Social Cocooning gehe damit weit über das Anzünden von Kerzen, das Backen von Brot und das Stricken hinaus. Vielmehr impliziere es „eine wie auch immer geartete Verbindung zum Gegenüber“.
Damit stellt Cocooning einen Gegenpol dar zu einer Welt, die unüberschaubar geworden ist. „Die Menschen wollen sich selbst spüren und wünschen sich Authentizität“, beschreibt Dorn den grundsätzlichen Trend. Er spricht vom „Wunsch, sich mit Dingen zu beschäftigen, auf die man einen direkten Zugriff hat. Die Einrichtung der Wohnung oder die Zubereitung von Essen unterliegen der eigenen Verfügbarkeit – im Unterschied zur Klimakatastrophe oder zum politischen Populismus.“
Illustration Cocooning

Social Cocooning: Empathie und Vernetzung

Diese Einstellung bedeutet laut Dorn keineswegs, dass die Menschen sich den Möglichkeiten der neuen Kommunikationsmittel verweigern. Zwar nehme die Sehnsucht nach Empathie und Kommunikation zu. „Gleichzeitig wollen wir aber, dass Waren und Dienstleistungen überall und schnell verfügbar sind.“ Dieser Widerspruch zeige sich daran, dass viele Menschen vernetzte Geräte in ihre Wohnung stellten: „Nähe und Empathie auf der einen Seite schließen nicht aus, dass man auf der anderen Seite mit der Welt vernetzt sein will.“ Von der „Gleichzeitigkeit von Hightech und hygge“ spricht auch Bettina Harms, Geschäftsführerin der Beratungsgesellschaft Analyse & Konzepte. Diese hat zusammen mit dem Institut InWIS die Studie „Wohntrends 2035“ verfasst. Demnach folgen 16 Prozent der Bevölkerung dem häuslichen Wohnkonzept – sie orientieren sich also an familiären Werten und sind gut in die Nachbarschaft integriert. Weitere 20 Prozent der Befragten gehören zum kommunikativen Wohnkonzept, dass eine ausgeprägte Erlebnisorientierung mit dem Wunsch nach familiärem Zusammenhalt verbindet. „Der Trend zur Abschottung von der Außenwelt und zum Rückzug in die eigene Wohnung […] wird durch eine kontrollierte soziale Einbindung abgelöst“, interpretieren die Forscher die Ergebnisse.

Mit ihnen muss sich auch die Wohnungswirtschaft auseinandersetzen, denn: „Im Kern ist Cocooning mehr als ein Trend“, betont Dorn. Vielmehr stehe dahinter „der Wunsch nach einem bestimmten Lebensbild“ – und dieser Wunsch äußere sich auch „in der Wahl der Wohnung und der Art zu wohnen“.