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Politik & Wohnen

Der Heimatbegriff in Zeiten von Globalisierung

Was ist das eigentlich: Heimat? Der Ort der Herkunft? Ein bloßes Gefühl? Eine erhoffte Zuflucht im Zeitalter der Globalisierung? Sicher ist: Der Heimatbegriff ist wieder hochaktuell. Und er polarisiert wie kaum ein zweiter. Annäherung an ein Thema mit einer langen Geschichte und vielen Facetten.

  • 77 % der Menschen in Deutschland fühlen sich ihrer Heimat stark oder sehr stark verbunden
  • 28 % der Deutschen haben manchmal das Gefühl, dass das, was Heimat ausmacht, immer mehr verloren geht


Die „Heimat“ war meiner Großmutter wichtig, darüber sprach sie gern mit dieser klassischen Trennung des Niederpreußischen, die heute fast ausgestorben ist. Im Rückblick trat Ostpreußen vor 1945 wieder zutage. Die „Heimat“, das waren ein ganzes Land und eine ganze Zeit, die in Krieg und Vertreibung versanken. Der neuen Heimat im Westen war sie dankbar für die Aufnahme, den späteren Wohlstand und die Möglichkeit, ihre fünf Kinder und zehn Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Aber es war nur die „neue“ Heimat.
Heute beschäftigt die Frage viele Menschen in Deutschland: Was ist unsere Heimat? Wie viel Heimat brauchen wir? Und warum reden wir eigentlich darüber? Fast acht von zehn Menschen in Deutschland fühlen sich laut einer Umfrage ihrer Heimat stark oder sehr stark verbunden. Die heutige Diskussion über den Begriff Heimat hätte der Großmutter sicher gefallen. Allein wegen der Tatsache, dass sich die Menschen wieder auseinandersetzen mit einem Begriff, für den sie ihre Enkel und Enkelinnen viele Jahre lang rügend anblickten.
Sprachlich verweist das Wort in historische Tiefen: Im Althochdeutschen taucht das Wort erstmals auf und ist seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich. Das Grimm’sche Wörterbuch zeigt eine breite Bedeutung des Heimatbegriffs: vom Elternhaus über die Landschaft der eigenen Region bis zur „himmlischen Heimat“.

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Vielfalt an Vorstellungen und Bildern

„Heimat“ öffnet schon damals Vorstellungsräume, bietet eine große Vielfalt an Vorstellungen und Bildern, gilt als unübersetzbar. Endlos ist auch heute die Anzahl der Zitate und Aussagen, die versuchen, den Begriff mit Worten zu füllen: Die „Heimat“ der Großmutter liegt in der Vergangenheit, die Heimat des Sängers Herbert Grönemeyer ist kein Ort, sondern ein Gefühl – so sein Songtext aus dem Jahr 1999 –, und für den Schauspieler Ottfried Fischer ist Heimat „da, wo man den Bauch nicht einziehen muss“, wie er jüngst in der FAZ kundtat.

„Neue Heimat“ hieß ein großes Siedlungsvorhaben der deutschen Gewerkschaften, das nach dem Zweiten Weltkrieg Tausenden Menschen zu einer Wohnung verhalf und damit zur Heimat. Heute ist dieselbe Neue Heimat zum Symbol für problematische Großsiedlungen geworden.

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Zuflucht: Neue Heimat für Vertriebene

Der Begriff hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert – zeitgleich mit der alten Heimat. Deutschland wurde nach 1945 für Millionen Kriegsflüchtlinge und Vertriebene neue Heimat. Später wurde das Land zum Einwanderungsland und damit eine Heimat für viele weitere Millionen Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten gekommen sind. Sicher, die Zuwanderung in den 1960er- und 1970er-Jahren hatte wirtschaftliche Gründe, zugleich aber auch massive „heimatpolitische“ Auswirkungen.

„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“, schrieb Max Frisch. Die sogenannten Gastarbeiter gaben eben nicht nur ihre alte Heimat auf, sondern wollten eine neue finden und fanden sie auch. Auch die jüngste Zuwanderungswelle – der Geflüchteten aus Nordafrika, Afghanistan oder Syrien – beinhaltet die dauerhafte Option der Heimat. Mittlerweile hat jeder fünfte Deutsche einen sogenannten Migrationshintergrund. Das heißt, einer seiner Vorfahren stammt aus dem Ausland.
Warum also gibt es heute wieder Diskussionen um die Heimat? An die Vorteile der Globalisierung haben sich die Menschen längst gewöhnt.

Doch diese zeigt sich nicht nur in der Vielfalt von Produkten und Kulturereignissen – zugleich erschüttern auch aufsteigende Industriemächte wie China, die damit einhergehende De-Industrialisierung in Europa und Wirtschaftskrisen wie 2008 und 2009 das Vertrauen vieler Menschen in die Handlungsfähigkeit „ihres“ Staates.
Wir leben heute in einer Welt der grenzenlosen Mobilität. Auch sind wir längst urbanisiert: Heute leben 77 Prozent der Deutschen in der Stadt, 2050 werden es nach Prognosen der Vereinten Nationen 84,3 Prozent sein. Und dennoch gibt es eine Sehnsucht nach Heimat, gibt es sogar Ministerien, die den Begriff im Titel tragen – als könnte Heimat per Verwaltungsakt statuiert werden. Oder gerade deswegen?

David Goodharts Ansatz: Auseinandersetzung zweier Klassen

Für den britischen Publizisten David Goodhart haben die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte in den wohlhabenden Industrienationen zu zwei neuen „Klassen“ geführt, die sich in ihren Lebens- und Fühlweisen radikal unterscheiden. So gebe es die „Anywheres“ (die „Nirgendwos“), die meist in einer Großstadt wohnen, aber örtlich absolut ungebunden sind. Und es gibt laut Goodhart die „Somewheres“ (im Sinne von „Dagebliebenen“), die aus unterschiedlichen Gründen an einem Ort geblieben sind. Die Anywheres verfügten über die Macht der Deutung, was progressiv und liberal ist. Ihr Selbstbewusst- sein speise sich aus dem beruflichen Erfolg. Die Somewheres dagegen definierten sich eher über einen Ort, eine Subkultur oder die Nation, weil ihre berufliche Identität in der liberalen Wissensgesellschaft weder für Stolz noch beruflichen Aufstieg steht. Nach Goodhart stehen diese beiden Klassen in einer Form der Auseinandersetzung, in der es nicht um Stadt oder Land, sondern um Lebensgefühle und Chancen, um Deutungshoheit und Stolz geht – und um Identität. Entscheidend für die soziale Zugehörigkeit sei nicht der Wohnort, sondern die Fähigkeit, auf den gesellschaftlichen Wandel zu reagieren.
Die Auseinandersetzung um den Begriff reicht längst über das Stadt-Land-Gefälle hinaus. „Sind diese beiden Milieus wirklich so homogen und so getrennt voneinander?“, fragt der Zukunftsforscher Matthias Horx. „Haben wir als Menschen, egal ob Land- oder Stadtbewohner, nicht immer beides in uns: den Lokalisten und den Globetrotter, den Heimatsucher und den Veränderer?“ Für Horx spricht gerade der Heimatbegriff alle Milieus an, weil er so viele verschiedene Deutungsmöglichkeiten anbietet.

»Man muss anderen nicht die Deutungshoheit überlassen, sondern kann sich Begriffe auch aneignen, erobern oder erweitern«

Professor Naika Foroutan, Berliner Integrationsforscherin
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Heimat als „Albtraum“ thematisiert Hengameh Yaghoobifarah

Allein die Verwendung des Begriffs polarisiert die Menschen in Deutschland, weil er so weit zurückweist in die Vergangenheit. Die Journalistin Hengameh Yaghoobifarah ist in Kiel geboren, hat aber auch iranische Wurzeln. Vor Kurzem hat sie mit anderen deutsch-sprachigen Autoren den Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ herausgegeben. Das Buch versteht sich als Manifest gegen eine völkische und ausschließende Definition von Heimat. „Der Begriff hat für mich immer eine negative Konnotation – beispielsweise wenn Leute fragen: Wann geht’s zurück in die Heimat? Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen – und trotzdem werde ich als nicht zugehörig betrachtet“, sagt Yaghoobifarah. Für sie hat der Begriff Heimat nichts Verbindendes. „Es geht ja nicht darum, dass es meine Gefühle verletzt, sondern dass es ein Ausschlusskriterium ist.“
Etwas anders sieht das Professorin Naika Foroutan: „Durch ein eigenes Ministerium, das dafür zuständig ist, findet eine Aufwertung der Regionen statt und man macht sichtbar, dass Deutschland auch regional gesehen bunt und vielfältig ist“, sagt die Berliner Integrationsforscherin. „Aber mir ist klar, dass sich hinter dem Heimatbegriff auch die Idee verstecken kann: Wir geben euch euer altes Deutschland wieder zurück. Ein Deutschland ohne diese verwirrende Vielfalt.“ Ihre Schlussfolgerung ist aber: „Man muss anderen nicht die Deutungshoheit überlassen, sondern kann sich Begriffe auch aneignen, erobern oder erweitern.“ 

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Verwertet im Marketing

Einer, der sich diesen Begriff aneignet und im eigenen Sinne interpretiert, ist der Marketingprofessor Jörn Bohnenkamp. „Re­Inventing Heimat“ nennt sich sein Konzept für die Stadt Münster, um den innerstädtischen Einzelhandel authentisch aufzupeppen – durch ein „Bekenntnis zur Heimat“. Kaum ein anderes Beispiel als dieses zeigt besser, wie politisch ungefährlich der Begriff Heimat werden kann, wenn er erst einmal zu einem Marketingbegriff geworden ist. Heimat ist an sich ein unpolitischer Begriff, sagt Edgar Reitz, der Urvater des modernen Heimatfiebers in Deutschland. Mit seiner „Heimat“­Trilogie hat der Regisseur Filmgeschichte geschrieben.
„Es gibt Tausende von so kleinen und unscheinbaren Elementen, in denen die eigentliche Menschlichkeit zu Hause ist. Das finde ich im politischen Diskurs nicht vor“, sagt Reitz. Gerade das Apolitische mache den Begriff Heimat „so menschlich und reich“.

Interview Ina Scharrenbach

„Fördern, was Menschen verbindet“

Seit 2017 ist Ina Scharrenbach Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein- Westfalen. Politisch will sie die Verbundenheit der Menschen miteinander und mit ihrem Wohnort fördern.