by inStädte & Quartiere on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für Wohnungstausch statt Wohnungsmangel

Wohnungstausch statt Wohnungsmangel

Tauschen statt mieten – löst das den Wohnungsmangel? Erste Versuche zeigen: Die Praxis ist kompliziert

Illustration: Raymond Biesinger

Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum. Das ist im Jahr 2019 keine neue Erkenntnis. Trotzdem sind Lösungen bislang rar, und Menschen, die eine Wohnung oder ein Haus suchen, fragen sich, ob sie – sofern sie etwas bekommen – mieten oder kaufen sollen. 

Vielleicht gibt es noch einen dritten Weg: den des Wohnungstausches. Die Idee: Wer viel Platz hat und ihn nicht braucht, tauscht ihn mit jemandem, der wenig hat und mehr braucht. 

300

Tausend Berliner Wohnungen kommen für einen Tausch infrage

Vorreiter ist bei dieser Frage Österreich, insbesondere die Stadt Wien. Der Nationalrat hat bereits 1981 beschlossen, den Wohnungstausch im österreichischen Mietrechtsgesetz festzuschreiben. Diese Regelung gilt für alle Mieter, im privaten Sektor wird sie jedoch kaum angewendet. Was daran liegen mag, dass unter anderem die Zustimmung des Wohnungseigentümers beider Tauschpartner vorliegen muss. Gibt dieser die Zustimmung nicht, haben die Mietparteien die Möglichkeit, sie vor Gericht zu erwirken. 

Tausch nur bei „wichtigem“ Grund

Anders sieht es bei den geförderten Genossenschafts- sowie Gemeindewohnungen der Stadt Wien aus. Deren Träger verweigern ihre Zustimmung nur selten. „Das geschieht eigentlich nur, wenn beispielsweise Mietschulden bestehen oder gar ein Räumungsverfahren anhängig ist“, sagt Markus Leitgeb, Sprecher der Unternehmung „Stadt Wien – Wiener Wohnen“, der größten kommunalen Hausverwaltung Europas. Insgesamt verwaltet sie rund 220.000 Wohnungen.

Organisiert und abgewickelt wird der Wiener Wohnungstausch über die Online-Plattform www.wienerwohnen.at. Die Objekte befinden sich in sogenannten Gemeindebauten, die einen wichtigen Stellenwert im architektonischen und kulturellen Leben Wiens einnehmen. „Bereits vor rund 100 Jahren lebten fast zwei Millionen Menschen in der Stadt, der Wohnraum war knapp und verdiente oft kaum diese Bezeichnung“, so Leitgeb. „Die damalige Stadtregierung rief daraufhin den Gemeindebau ins Leben, dessen Anlagen sich gestern wie heute durch das Credo Licht, Luft und Sonne auszeichnen.“ Heute wohnt jeder vierte Wiener in einem Gemeindebau.

»Unsere Erfahrung zeigt, dass es nicht unbedingt die erste Option der Mieter ist, ihre Wohnung zu tauschen«

David Eberhard, BBU Verband Berlin-Brandenburgische Wohnungsunternehmen

Wer eine Wohnung tauschen will, braucht einen wichtigen Grund, der sozialer, beruflicher oder gesundheitlicher Natur sein kann. Leitgeb: „Eine Familie bekommt Nachwuchs und benötigt eine größere Wohnung, eine alleinstehende ältere Person möchte in eine kleinere Wohnung ziehen. Oder jemand anderes will in der Nähe seiner Arbeit oder von Familienangehörigen wohnen, die Pflege und Betreuung benötigen.“ Tauschen kann auch nur, wer mindestens fünf Jahre in einer Gemeindewohnung wohnt – und dort Haupt­mieter ist. Familienmitglieder müssen mindestens zwei Jahre an der Adresse des Hauptmieters gemeldet sein, um bei der Größe der Tauschwohnung berücksichtigt zu werden. „Will sich eine Familie räumlich vergrößern, kann sie das nur in einem gewissen Rahmen tun“, so Leitgeb. „Als Grundregel gilt hier: Pro Person ein Zimmer – und höchstens eines mehr oder weniger, als es der Personenanzahl entspricht.“

30

Wohnungen wurden seit dem Herbst 2018 zum Tausch ange­meldet

Pro Jahr werden etwa 10.000 Gemeindewohnungen in Wien neu vergeben, zu einem Tausch kommt es jedoch selten. Im vergangenen Jahr war dies einhundert Mal der Fall. Markus Leitgeb hat dafür folgende Erklärung: „Ein Wohnungstausch ist eine sehr spezifische Sache, schließlich muss das Angebot nicht nur die Bedürfnisse eines Mieters oder einer Mieterin, sondern beider Tauschparteien gleichzeitig erfüllen.“

Versuche in Berlin, Pläne in Hamburg

In Deutschland gibt es ebenfalls vereinzelte Versuche, den Tausch von Wohnungen anzuregen. In Berlin haben sich zu diesem Zweck die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zusammengeschlossen und www.inberlinwohnen.de gestartet. Innerhalb des Bestands können Mieter jetzt ihre Wohnung anbieten und nach einem passenden Tauschobjekt suchen. Im Vorfeld einigten sich die Unternehmen, den Tausch unternehmensübergreifend, also innerhalb der sechs sogenannten „Landeseigenen“, zu ermöglichen. „Theoretisch stehen damit 300.000 Wohnungen zum Tausch zur Verfügung“, sagt David Eberhart, Sprecher des BBU Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. Bisher haben sich 2.000 Mieter für das Angebot registriert. „Angesichts des Wohnungsbestandes ist das nicht viel“, so Eberhart. „Es bestätigt die Erfahrung aus früheren Verfahren, dass es nicht unbedingt die erste Option der Mieter ist, ihre Wohnung zu tauschen.“

So hat es seit dem Start im Herbst 2018 nur 30 konkrete Anmeldungen über das Portal gegeben, lediglich neun wurden vollzogen. Ein Grund: Gesucht werden vor allem größere Wohnungen, angeboten aber überwiegend kleine. Wer einmal viel Platz hat, will sich davon offenbar nur selten trennen. Und selbst wenn die Absicht bestehen sollte: Hürden gibt es immer noch viele, sagt Eberhart. „Sei es, dass die Kinder nicht in eine neue Kita wechseln, sondern in ihrem gewohnten Umfeld bleiben sollen. Gleiches gilt für Senioren, die ungern ihre vertraute Umgebung verlassen oder aber auf Barrierefreiheit und Aufzüge angewiesen sind.“

Vorreiter Österreich

1981 wurde der Wohnungstausch im Mietrechts­gesetz verankert

Die Logistik am Umzugstag mag manche ebenfalls abschrecken. Denn beide Parteien müssen jeweils am selben Tag aus- und einziehen, damit die jeweilige Gegenpartei die Wohnung beziehen kann. Freie Ersatzwohnungen gibt es nicht, sodass hier keine Zwischenlösungen seitens der Unternehmen angeboten werden können. Eberhart: „Und wenn sie dann schon bei der Vorab-Besichtigung gesehen haben, dass etliche Renovierungsarbeiten nötig sind, weil die Tauschpartei dort schon seit Jahrzehnten lebt, entscheiden sich viele dagegen.“

Überlegungen, den Tausch möglich zu machen, gibt es trotzdem neuerdings auch in Hamburg. Neben dem einzigen städtischen Träger, der SAGA, sollen hier auch die rund 30 Genossenschaften aus dem weitläufigen Hamburger Stadtgebiet eingebunden werden, so die Idee. Damit käme man auf etwa 260.000 Wohnungen, die in der Hansestadt potenziell zur Verfügung stünden. Ob die hanseatische Tauschbörse aber tatsächlich online geht, ist noch offen.

Fazit: Für eine schnelle Behebung des Wohnungsmangels eignet sich der Tausch über Onlineplattformen derzeit nicht. Unterschätzt werden sollte die Idee aber nicht. Individuell kann sie sehr wohl funktionieren, etwa wenn Nachbarn, Kümmerer oder Quartiermanager ihre Augen und Ohren offen halten.