by inVermieten on10. Februar 2017 Kommentare deaktiviert für Im Rheinland: Wohnen mit wenig Kohle

Im Rheinland: Wohnen mit wenig Kohle

Das rheinische Tagebau-Revier ist im Umbruch. Das Wohnen auch: Es wird moderner und komfortabler
– aber es bleibt dennoch günstig

Ist mit Kohle großgeworden:

Hans G. Schumacher, langjähriger Bewohner in Bedburg, hat schon als Kind mit der Handkarre Kohle geholt

Foto: Stephanie Englert

Mit der Kohle ist Hans G. Schumacher groß geworden. „Bei uns in der Straße in Kerpen-Brüggen stand eine Brikettfabrik, da habe ich als Junge mit der Handkarre geholt, was wir für zu Hause brauchten.“ Sein Vater und Schwiegervater arbeiteten im Braunkohle-Bergbau; auch er ging natürlich zum Bergbau-Unternehmen Rheinbraun, das bis heute das Revier im Dreieck zwischen Köln, Aachen und Düsseldorf beherrscht.

1969 bekam er in Bedburg eine Rheinbraun-Werkswohnung; sie war erst sieben Jahre alt und ziemlich modern. Nur in einem Punkt nicht: Statt der damals in Neubauten überall sonst üblichen Zentralheizung im Keller setzte man hier noch auf Kohle in der Wohnung. Als Fortschritt galt es bereits, wenn nicht mehr jedes Zimmer ein Öfchen hatte, sondern die Wohnung eine Feuerstelle, von wo die Wärme durch Rohre verteilt wurde. Der zu Klütten – das rheinische Wort für Briketts – gepresste Heizstoff war allgemein üblich, erst recht für Rheinbraun-Beschäftigte. „Da bekamen wir jeden Winter ein Deputat von 150 Zentnern. Nur den Fuhrlohn mussten wir bezahlen, wenn wir sie nicht selbst abgeholt haben.“

Heizen als Generationenfrage

Rauch und Kohlengeruch waren im Winter selbstverständlich – man hätte sie geradezu vermisst. Und an das Kohlenschleppen aus dem Keller gewöhnte man sich. Schumacher trug sie jahrzehntelang, bis er einen Herzinfarkt erlitt. Danach heizte er mit Strom – scheinbar komfortabel, aber mörderisch teuer, obwohl er vom nahen Kohlekraftwerk wiederum ein Deputat von 400 Kilowattstunden bekam. Das war aber rasch aufgebraucht, und er hatte Stromkosten bis zu 300 Euro im Monat. „Außerdem hält die Stromheizung die Wärme nicht. Wenn man sie ausschaltet, ist es sofort kalt.“

Gern wäre der knapp 70-Jährige bei den Klütten geblieben, so wie seine Nachbarn. Das Verhältnis der Mieter zur Kohle sei eine Generationenfrage, stellt Sebastian Lott fest, der auch für Bedburg zuständige Vonovia Regionalleiter in Düsseldorf: „Langjährige Bewohner sind das Schleppen und Heizen gewohnt und kennen die kleinen Tricks, den Ofen am Laufen zu halten.“ Anders der zugezogene Nachwuchs: „Junge Mieter, die im Elternhaus Zentralheizung hatten, waren oft abgeschreckt.“

»Wir haben uns alle gefreut, dass jetzt etwas passiert und die Häuser so gut aussehen«

Hans G. Schumacher, langjähriger Bewohner in Bedburg

Sebastian Lott

Regionalleiter bei Vonovia in Düsseldorf, engagiert sich für besseres Wohnen

Foto: Vonovia

Heizkosten um zwei Drittel gesunken

Manche flüchteten rasch. „Jedes Jahr nach dem Winter haben wir hier eine kleine Auszugswelle“, hat Lott beobachtet. Es hält die Leute nicht einmal, dass die Miete in vielen kohlebeheizten Häusern nur knapp über vier Euro pro Quadratmeter liegt. In Schumachers Bedburger Siedlung war ausgerechnet die günstige Miete zum sozialen Problem geworden: Eine
 teils schwierige Kundschaft hatte sich
 hier konzentriert; solide Altmieter litten darunter ebenso wie Eigenheimbesitzer in der Nachbarschaft. Jetzt aber hat Vonovia die Häuser mit 160 Wohnungen liebevoll saniert. Blickfang sind vor allem die Giebel mit ihren je sechs Feldern in unterschiedlichen, durchgängig hellen Farbtönen. 
An den Hauseingängen sind Stufen verschwunden; vor allem gibt es drinnen jetzt eine moderne Gasheizung. Schumacher hat endlich seine teuren, ungeliebten Elektroöfen stilllegen können; seine Heizkosten sind um zwei Drittel gesunken.

Die Kaltmiete für eine Wohnung mit deutlich mehr Komfort als früher und mit geringen Energiekosten beträgt rund 5,80 Euro pro Quadratmeter. Die Erneuerung war Anlass für ein fröhliches Mieterfest. „Hier war zuvor über 50 Jahre lang wenig geschehen“, stellt Schumacher fest. „Da haben wir uns alle gefreut, dass jetzt etwas passiert und die Häuser so gut aussehen.“ Und der langjährige Sozialdemokrat findet: „Schön ist auch, dass unsere Gegend jetzt wieder eine breite Mieterschaft anspricht.“

Gemütliche Nester unterm Dach

Die Mieten im Stadtteil Kaster bleiben günstig, auch wenn es Bedburg wirtschaftlich gut geht: Kölner Pendler ziehen her; der ausgedehnte Industriepark Mühlenerft boomt. Dass die Braunkohle-Branche im Zuge der Energiewende allmählich schrumpft, schadet der Stadt offenbar wenig. Selbst im innersten Kern des Kohleviertels, zehn Kilometer nördlich von Bedburg in Frimmersdorf, sind neue Wohnungen gefragt. Es lebt von Bergbau und Kraftwerken, ist aber von Eigenheimen geprägt sowie von Mehrfamilienhäusern, die hübsch mit Klinkern verkleidet und traulich mit Satteldächern versehen sind. Drei davon gehören Vonovia. Die Dächer waren schadhaft, worauf das Unternehmen aus der Not eine Tugend machte: Die Dächer kamen komplett weg und wurden völlig neu gebaut
– jetzt aber mit sechs neuen Wohnungen darunter.

Entstanden sind sehr gemütliche 52-Quadratmeter-Nester für Singles oder Paare. Sie vereinen kuschelige Dachschrägen-Romantik mit großzügigen Grundrissen, Helligkeit und Fernblicken nach draußen. Ordentlicher Neubau-Standard rechnet sich hier für Vonovia bei Kaltmieten von rund sieben Euro pro Quadratmeter – es brauchte ja kein Grundstück. Effizientes Bauen drückte die Kosten weiter – zum Beispiel mit vorgefertigten Gauben.

Gemütliche Nester:

In Frimmersdorf erhalten Mietshäuser neue Dachwohnungen

Foto: Marcus Simaitis

Erdwärme und Windräder

Ein weiteres Projekt in der Grevenbroicher Südstadt sieht neue Wohnungen auf dem heutigen Dach vor. Hier haben vier Vonovia Häuser aus der Nachkriegszeit ebenfalls noch Kohleheizung – passend zur Lage am Fuß eines Abraumbergs und direkt neben der Gaststätte „An der Halde“. Aufs Flachdach der Vier-Etagen-Häuser kommt ein weiteres, mit Fahrstuhl erschlossenes Stockwerk. Es entstehen vor Ort gesuchte Familienwohnungen mit bis zu 105 Quadratmeter Wohnfläche, aber auch weniger. Alle sind barrierefrei erreichbar.

Gedämmt wird hier mit Mineralwolle. Für derart hohen Standard am grünen Rand einer Mittelstadt will das Unternehmen rund 8,50 Euro pro Quadratmeter verlangen – für Neubauten wenig. Denn auch hier hält jetzt endlich die ersehnte Zentralheizung Einzug – besonders sparsam und ökologisch mit Erdwärme. Die geothermischen Probebohrungen waren vielversprechend. Oben auf der Halde drehen sich die Windräder. Mitten im heutigen Kohlerevier ist die Zukunft sauber, sicher und grün – auch beim preisgünstigen Wohnen.

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