by inPolitik & Wohnen on20. Juni 2018 Kommentare deaktiviert für Raum für Toleranz

Raum für Toleranz

Das Frankfurter Projekt „AntiAnti“ regt Berufsschüler zu mehr Toleranz an – und will sie stärker machen gegen die Verführung durch Radikale

Heimat Ostend

Jugendliche identifizieren sich mit Freiräumen – etwa dem Ostend-Park

Foto: Bernd Hartung

Die Philipp-Holzmann-Berufsschule in Frankfurt ist ein Ort der Gegensätze. 2400 junge Leute besuchen sie umschichtig und nicht alle voller Lernlust. Die Schüler oder ihre Eltern kommen aus vielen verschiedenen Ländern, etliche sehen wenig Aufstiegsperspektiven und viel Benachteiligung. Diese Verunsicherung macht im schlimmsten Fall anfällig für die Versprechungen scheinbarer Erlöser: Mindestens drei Schüler sollen sich in den letzten Jahren fanatischen Gruppierungen angeschlossen haben.

»Jugendliche erreicht man nicht über Kopf und Moral, sondern über Erfahrung«

Türkan Kanbiçak, Projektleiterin „AntiAnti“

Nicht zufällig ist gerade diese Schule Startort eines außergewöhnlichen Bildungsprojekts: Gemeinsam mit Vonovia will das Jüdische Museum in Frankfurt unter dem Titel „AntiAnti – Museum Goes School“ junge Leute dazu bringen, eigene Lebensumstände und Verhaltensweisen besser zu verstehen und andere, für sie fremd wirkende nicht mit Vorurteilen zu betrachten, sondern hinzunehmen oder gar zu respektieren. Keine einfache Herausforderung bei Schülern dieses Alters, dieses sozialen Status und dieses Erfahrungshintergrunds.

Viele Muslime und eine Buddhistin
Beim Pädagogischen Zentrum des Jüdischen Museums und der Fritz-Bauer-Stiftung agiert ein besonderes Lehr-Duo: „AntiAnti“-Projektleiterin Türkan Kanbiçak ist Lehrerin, promovierte Sozialwissenschaftlerin und Muslimin, ihr Kollege Manfred Levy war Schuldirektor und ist Jude. Die beiden wählten für ihr Startprojekt eine Klasse mit zwei Drittel muslimischen Schülern, einigen Christen und einer Buddhistin. Sie traten aber nicht als Paar mit erhobenem Toleranz-Zeigefinger und der Attitüde auf: Seht mal, so leicht und selbstverständlich sind Religionsgrenzen überbrückbar.

„Das widerspricht einfach der Erfahrung von Schülern, die sich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Religion diskriminiert fühlen“, sagt Türkan Kanbiçak. „Sie erreicht man nicht über den Kopf und über Moral, sondern über ihre eigenen Erfahrungen.“ Diese versuchen sie in sechs Workshop-Tagen zu vermitteln, verteilt über ein Halbjahr. Es beginnt mit dem Thema Migration – nicht abstrakt, sondern betrachtet am Beispiel der Schüler und ihrer Familien. Die jungen Leute erstellen Stammbäume und reflektieren, unter welchen Umständen ihre Familie ganz oder in Teilen nach Deutschland gegangen ist – und wie das heute ihr Leben beeinflusst. Manfred Levy: „Da können alle Schüler über ihren eigenen Weg und den ihrer Familien berichten. Sie erleben, dass ihre eigene Geschichte interessant und erzählenswert ist und Wertschätzung erfährt.“

„Wir kommen vom Museum“, hatten Kanbiçakund Levy anfangs gesagt. Keiner fragte, von welchem. Und als sie es später eher beiläufig erwähnten, war das kein großes Thema. „Dass ich Jude bin, hat die jungen Leute kaum interessiert“, berichtet Levy. „Erst später fragte uns dann mal einer der Teilnehmer nachdenklich: Bin ich eigentlich Antisemit, wenn ich Israel kritisiere?“

Wetter egal
Auch der Günthersburgpark ist bei den Jugendlichen beliebt

Griesheim
Der Stadtteil ist Bezugsort – auch für Lucas aus Griesheim

Täter und Opfer in einer Person
Der zweite Workshop hatte Diskriminierung und Toleranz zum Thema. Im Inneren des Stuhlkreises auf dem Boden lagen Bilder von Menschen, die häufig Opfer von Verachtung und Ablehnung werden: Dunkelhäutige und -haarige, Behinderte und Homosexuelle, Rechtsradikale und Obdachlose.

Die Berufsschüler sollten sich Bilder aussuchen und ihre Gefühle gegenüber den Menschen auf dem Bild schildern: Mitleid oder eigene Überlegenheitsgefühle, Sympathie oder Unwohlsein beim Anblick. Einer griff zum Bild mit küssendem Schwulenpaar und bekundete, er finde das widerlich. Nach solchen und anderen Äußerungen überlegten die Schüler: Welche Diskriminierung finden sie ungerecht, welche ist ihnen egal, welche finden sie gar fair und richtig? „Auch da hilft keine moralische Verurteilung und kein abstrakter Aufruf zur Toleranz“, erklärt Kanbiçak
das Prinzip. „Sondern es hilft nur, wenn die jungen Leute zunächst merken, dass man sich mit ihrer Haltung auseinandersetzt und sie nicht gleich ablehnt.“ Das öffnet Verstand und Gefühl für die eigene Doppelrolle: einerseits Opfer von Diskriminierung zu sein, sie aber auch selbst zu praktizieren. Das wiederum bringt womöglich die Erkenntnis: Wer selbst respektiert werden will, sollte auch andere respektieren.

Solche Haltungen proklamierten Kanbiçak, und Levy in den Workshops nicht groß und ausdrücklich, sondern vertrauten auf die Selbsterkenntnis bei den Schülern. Und sie erkannten den Erfolg auch an scheinbaren Kleinigkeiten, wie Levy erzählt: „Ein Schüler aus Venezuela kam irgendwann im Pulli des jüdischen Sportklubs Makkabi, in dem er Mitglied war. Kein anderer hat ihn deshalb angemacht.“ Ein weiterer Workshop führte die Klasse in ein Altenheim, das Mitglieder aller Religionsgemeinschaften aufnimmt. Sie diskutierten mit einem Rabbiner, einem Pfarrer und einem islamwissenschaftlich geschulten Pädagogen. „Die jungen Leute wussten erstaunlich wenig über Religionen, auch über die eigene“, staunte Kanbiçak. „Aber das Interesse und die Konzentration waren immens. Auch an einem Film, in dem Menschen mit technisch verzerrter Stimme über ‚Sittlichkeit‘ und ‚Unsichtbarkeit‘ von Frauen sprachen. Die Schüler tippten auf einen Muslim – und waren umso erstaunter ob der Enthüllung, dass hier orthodoxe Juden aus Jerusalem gesprochen hatten. Ein weiterer Moment zur Erkenntnis, dass Eigenes und Fremdes, Akzeptiertes und Abgelehntes oft gar nicht so weit auseinanderliegen.“

Rödelheim und Gallus als Heimat
Die nächste Projektphase führte die Gruppe in die Wohnquartiere der Jugendlichen. Sie führten selbst durch ihren Stadtteil, erzählten von Erlebnissen und Orten und ließen sich mit Statements dazu filmen. Manfred Levy: „Dabei stellte sich heraus, dass sie sich extrem stark mit ihrem Stadtteil identifizieren. Rödelheim, Eschersheim oder Gallus sind stärkere Bezugspunkte als Frankfurt, Hessen oder Deutschland.“ In Zusammenhang mit dem Stadtteil fiel der Satz: „Das ist meine Heimat“, und viele sagten es wie der 16-jährige Jethon: „Ich habe zwei Heimaten – Höchst und den Kosovo, aus dem ich komme.“ Levy folgert aus der Quartiersbindung: „Es ist absolut wichtig, den jungen Leuten öffentliche Orte im Stadtteil zu bieten, wo sie sich akzeptiert und erwünscht fühlen. Sportplätze oder ganz einfach Orte zum Sitzen und Schwatzen können ganz viel für Bindung und Verwurzelung tun.“ Es folgte ein Projekttag zu Lebensperspektiven der jungen Leute selbst und schließlich ein Abschlussfest im Jüdischen Museum. Man zeigte in lockerem Rahmen eigene Stadtteil-Videos, -Bilder und erzählte; alle Teilnehmer erhielten ein Zertifikat, und schließlich gab es ein Buffet – nach Sonnenuntergang, da gerade Ramadan war. Levy: „Ehrengäste im Jüdischen Museum zu sein, ein Buffet und eine Urkunde zu erhalten – das alles haben die Schüler als riesige Anerkennung empfunden.“ Was die Chancen erhöht, dass auch sie selbst mehr Anerkennung für ihnen Fremde oder gar bisher Abgelehnte entwickeln. Das Projekt „AntiAnti“ ist damit längst nicht vorbei. Zu ihm gehört auch die Fortbildung von Lehrern, die an Berufsschulen täglich mit Problemen, Ressentiments und Ignoranz kämpfen. Und die Arbeit an der Philipp-Holzmann-Schule war erst das Pilotprojekt, dessen Methoden und Erfolg wissenschaftlich ausgewertet werden. Das Programm geht aktuell an der Klingerschule weiter – nach dem ersten Kurs in einer von Jungen dominierten Klasse diesmal mit einer Mehrheit von Mädchen. „AntiAnti“ wird von Vonovia finanziert und soll an wechselnden Schulen in Frankfurt über mindestens sieben Jahre laufen.

»Es ist wichtig, den jungen Leuten öffentliche Orte im Stadtteil zu bieten«

Manfred Levy, Pädagogisches Zentrum Frankfurt