by inStädte & Quartiere on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für Rauf in die Natur

Rauf in die Natur

In Wien wächst das Gemüse demnächst auf dem Dach: Das nachhaltige Projekt „­ERnteLAA“ schafft neuen Wohnraum – und bietet den Bewohnern urbane Gärten in luftiger Höhe

Foto: M&S Architekten

Ganz ohne Supermarkt werden sie dann wahrscheinlich doch kaum auskommen. „Autark leben können die Mieter von ihrem selbst angebauten Gemüse nicht“, sagt Christian Seethaler. Dafür werfen die Gärten, die er, der Architekt, in 25 Meter Höhe anlegt, zu wenig Ertrag ab. Vor allem Familien haben einen deutlich größeren Bedarf an Lebensmitteln. Aber „in den Genuss, eigene Tomaten essen zu können“, wie er sagt, soll jeder Bewohner kommen. Dafür will er sorgen.

Sein Versprechen ist Teil eines der interessantesten Projekte in Wien. Im Stadtteil Liesing im Südwesten baut er für die BUWOG seit Herbst 2018 „ERnteLAA“, ein Haus mit 191 Wohnungen, Kinder­garten, Apotheke und Nahversorger – sowie Gärten, Hochbeeten und Gewächshäusern auf dem Dach.

Begonnen hat die Planung vor knapp zehn Jahren. Damals entschied die Stadt Wien, auf der Fläche an der Meischlgasse im 23. Bezirk bauen und zugleich an vorige Zeiten anknüpfen zu wollen. Rund 100 Jahre lang war das Viertel durch Gärtnereien geprägt. Davon ist heute noch etwas zu sehen, die meisten von ihnen, eher kleine Betriebe, mussten im Verlaufe der Jahrzehnte aber aufgeben. Unter dem Namen „ERnteLAA“ sollen beide Aspekte jetzt vereint werden: Einerseits der Wunsch nach neuem Wohnraum in einer wachsenden Stadt – das erschlossene Areal liegt nahe der U-Bahn-Station „Erlaaer Straße“. Andererseits das Bedürfnis der Bürger, sich gesünder ernähren und wissen zu wollen, woher die verzehrten Lebensmittel stammen.

Es ist eine Idee, die zunehmend Anhänger findet. Weltweit sind Menschen unzufrieden mit Massentierhaltung und industrieller Fertigung von Nahrung und suchen nach Alternativen. Eine davon: Selbstversorgung. Sie kaufen oder mieten außerhalb ihrer Stadtgrenzen ein Stück Land und pflanzen Salat, Gurken und rote Beete an. Andere versuchen das auf ihren Balkonen und Dächern oder im Hintergarten. Oder sie gründen sogenannte „essbare Städte“ und bepflanzen großflächig öffentliche Plätze mit Obstbäumen und Gemüse wie im britischen Todmorden oder in Andernach in Rheinland-Pfalz.

Ganz so weit will man in Wien nicht gehen. Aber Baurat Volkmar Pamer, der städtische Koordinator für das Gebiet, hat genau solche Beispiele im Kopf, wenn er sagt: „Urban Gardening ist mehr als ein Hype.“ Trotzdem war er überrascht, wie schnell sich die Wohnbaugesellschaft ­BUWOG, die heute zu ­Vonovia gehört und schon Urban-Gardening-Projekte umgesetzt hat, auf die Idee einließ, Gärten auf ihr Dach zu setzen. „Das ist für einen Bauträger schließlich kein alltäglicher, sondern ein ungewöhnlicher Gedanke“, sagt er. Den anschließenden Wettbewerb um den idealen Entwurf gewann das Wiener Büro M&S Architekten, das Christian Seethaler mit seinem Geschäftspartner Christian Mascha führt.

Mein Beet ist dein Beet – die Bewohner sollen Gemüse tauschen und sich gegenseitig beim Dachgärtnern helfen

Foto: M&S Architekten

»Barrierearme Wohnungen ermöglichen Menschen eine Pflege in den eigenen vier Wänden. Die deutlich teurere und oft nicht gewollte stationäre Pflege im Heim lässt sich so häufig vermeiden«

Matthias Günther, Leiter des Pestel Instituts

191 Wohnungen sieht das Projekt „ERnteLAA“ insgesamt vor, fertig­gestellt wird es voraussichtlich im Sommer 2020

Foto: M&S Architekten

Einflugsöffnungen für Vögel

Sobald „ERnteLAA“ fertig ist, stehen den Mietern auf dem Dach Gärten und Gewächshäuser mit drei verschiedenen Klimazonen zur Verfügung. Um eine passende Logistik zu gewährleisten, haben die Macher größere Fahrstühle und Abwurfschächte für Blätter, Äste und anderen Grünschnitt vorgesehen. Dazu kommen Loggias an den südlich gerichteten Wohnungen, die mit einem Wasseranschluss ausgerüstet sind, und Fachpersonal wird den Bewohnern ebenfalls helfen, zumindest in der Anfangszeit. Gartenspezialisten sollen Angebote machen und bei der richtigen Wahl der Pflanzen beraten, die Caritas wird mit Workshops die Gruppe anleiten und dafür sorgen, dass alle, die Unkraut jäten und in der Erde wühlen wollen, zum Zuge kommen. „Wenn man ehrlich ist, dann braucht so eine Gemeinschaft, die sich erst kennenlernen muss, professionelle Betreuung“, sagt Christian Seethaler. „Das geht nicht von allein.“ Auch an andere Bewohner wurde gedacht. Für Mauersegler sind in der Fassade Einflugsöffnungen für ihren Nestbau vorgesehen, und ­Ökologen helfen bei der Besiedelung von Wildbienen auf dem Dach.

Außenfassade: Nicht nur auf dem Dach, sondern auch auf Loggias soll geerntet werden. Dazu werden Wasseranschlüsse installiert

Foto: M&S Architekten

Der städtische Baurat Volkmar ­Pamer hält das für ein geeignetes Vorgehen, um verschiedene Menschen für „ERnteLAA“ zu begeistern. „Ich glaube, dass das Projekt Gartenenthusiasten genauso anzieht wie Menschen, die am Urban Gardening nur sporadisch interessiert sind.“ Dass man nicht ausschließlich vom Dach essen kann und weiteres Obst und Gemüse kaufen muss, hält er für kein Manko. Architekt Seethaler ergänzt: „Wir verstehen die Gärten als sozialen Kitt. Ich wünsche mir, dass die Mieter in dem Haus anfangen, Tomaten zu tauschen und sich gegenseitig bei der Arbeit zu helfen.“

Kaum Kühltechnik nötig

Für BUWOG-Geschäftsführer Andreas Holler ist die „Summe der Maßnahmen“ das herausragende Merkmal des Projekts. Neben dem Quartiersmanagement und den Urban-Gardening-­Flächen zählt dazu auch die Konzeption der Wohnungen: „Sie sind energetisch optimiert, bieten die Möglichkeit zum Querlüften und können aufgrund der Dach- und Fassadenbegrünung weitgehend auf Kühltechnik verzichten.“ Zudem wird eine umweltfreundliche Mobilität gefördert. „Zusätzlich zu den 400 Fahrradstellplätzen erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner eine Jahreskarte des öffentlichen Verkehrsnetzes und Angebote unterschiedlicher Carsharing-Modelle, um den Individualverkehr zu entlasten“, erklärt ­Andreas Holler.

Das Quartier an der Dahme in Treptow-Köpenick setzt auf eigene Energieversorgung durch ein Blockheizkraftwerk

Foto: BUWOG Berlin

Für die BUWOG ist „ERnteLAA“ nicht das einzige nachhaltige Bauvorhaben. In Treptow-­Köpenick im Südosten Berlins entsteht an der Dahme gerade das Quartier „52° Nord“ mit Kindergarten, eigenem Blockheizkraftwerk und einem 6.000 Quadratmeter großen Wasser­becken, das das Regenwasser der umliegenden Häuser sammeln und für die Erzeugung eines besseren Mikroklimas nutzen soll. Ein Bestandteil des noch im Bau befindlichen Ensembles: „The View“ – drei fünfgeschossige Häuser in Uferlage mit insgesamt 63 Eigentumswohnungen.

Der Mittelbau des Berliner Projekts „The View“ rückt die Bewohner durch scheinbar schwebende Stege nahe ans Wasser

Foto: BUWOG Berlin

Der Grazer Architekt Mark ­Jenewein, der mit seinem Büro Love für den mittleren Bau zuständig war und die Bewohner mit scheinbar schwebenden Stegen näher ans Wasser rückt, legte beim Entwerfen vor allem auf natürliches Licht und Kompaktheit Wert. „Je weniger Fassaden man plant, desto weniger Ressourcen muss man einsetzen. Außerdem dringt so weniger Wärme von innen nach draußen. Das spart Energie.“

Nachhaltiges Bauen ist teurer

So nachhaltig sich die Projekte geben – rundherum ökologisch sind sie nicht. Das Urban-Gardening-Haus „ERnte­LAA“ wird in klassischer Massivbauweise gefertigt. Alternative Stoffe wie Holz, Lehm und Hanf oder recycelte Teile, die eine bessere CO2-Bilanz als neuer Beton haben und die für Wände oder Dämmungen eingesetzt werden könnten, kommen nicht zum Einsatz. Volkmar Pamer von der Stadt Wien bedauert das. „Eigentlich sollten Häuser zu 100 Prozent nachhaltig sein und nicht mit Betonfertigteilen hergestellt werden, die mit Dämmschaum und also mit Plastik ummantelt sind.“ Allerdings steht dem die Notwendigkeit im Weg, zugleich Wohnraum zu schaffen, der bezahlbar ist. Architekt See-thaler erklärt es so: „Nachhaltigkeit ist ein schwieriges Thema. Wenn man beispielsweise das geschäumte Erdöl in der Wärmedämmung gegen Stein- oder Mineral­wolle tauscht, wird es gleich um 30 Prozent teurer.“ BUWOG-Geschäftsführer Andreas Holler ergänzt: „Dass wir in Zukunft ausschließlich derartig nachhaltig bauen, ist nicht vorgesehen. Die Gesellschaft verlangt auch nach anderen Projektschwerpunkten.“

Trotzdem betont Volkmar Pamer den Pioniergeist. Zusätzlich werden weiter nördlich noch vor „ERnteLAA“ 1.200 Wohnungen fertig, die sich ebenfalls dem städtischen Gärtnern verschrieben haben – und es sollen weitere dazukommen. Am Ende könnte die weltweit größte Urban-Gardening-Siedlung entstehen, schätzt Pamer. Auch Architekt Christian Seethaler will weiter an der Idee arbeiten. „Die Frage, wie man mit der Natur verbunden leben kann, ist sehr relevant – und dieses Projekt soll ein Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen sein.“

Zunächst aber muss „ERnteLAA“ eröffnet werden. Läuft alles wie geplant, ziehen die Mieter im Sommer 2020 ein. Endlich, werden die Planer sagen – denn seit den ersten Skizzen sind ungewöhnlich viele Jahre vergangen. Proteste der Anwohner gegen die Höhe des Gebäudes und Entscheidungen des Verfassungs- und Verwaltungsgerichts verzögerten die Umsetzung.

Andreas Holler verbindet große Hoffnungen mit dem Projekt. „Gerade in einer sonst so anonymen Großstadt steigt das Bedürfnis nach sozialem Austausch, nach Gemeinschaft und Zusammenkommen“, sagt er. „ERnte­LAA“ soll ein Beispiel dafür sein, wie diese Sehnsucht erfüllt werden kann. „In dem Haus wohnt man nicht einfach nur Tür an Tür, man lebt und gestaltet die Zukunft miteinander, und das weitgehend nachhaltig.“

Nachwachsende Baustoffe

Lehm: Aus Stampflehm lassen sich langlebige Wände bauen, die klimaregulierend sind und in der Regel problemlos entsorgt werden können

Foto: malerapaso/Getty Images

Hanf: Geeignet als Dämmung für Dächer, Wände und Böden. Ist hautverträglich, reguliert gut Feuchtigkeit und schafft ein angenehmes Raumklima

Foto: Hennepvezel_Cannabis_sativa_fibre/Wikipedia

Kork: Kann gut als  Bodenbelag eingesetzt werden. Er ist pflegeleicht, ideal bei der Wärme- und Schall­isolierung und verrottet nicht

Foto: Miroslav Boskov/Getty Images