by inPolitik & Wohnen on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für Nachbarschaften werden homogener

Nachbarschaften werden homogener

Nebenan.de bringt Menschen auf lokaler Ebene zusammen. Geschäftsführer Michael Vollmann erklärt, welche Folgen der Wohnungsmangel für Nachbarschaften hat

Fotos: nebenan.de

Herr Vollmann, seit dem Start 2016 haben sich auf Ihrer Plattform mehr als eine Million Menschen registriert. Entdecken wir Deutsche unsere Nachbarn aufs Neue?

Nachbarschaften wurden immer gelebt und waren nie weg. Aber nachdem wir alle begeistert von den Möglichkeiten des Internets waren, lernen wir lokale Gemeinschaften wieder zu schätzen. Diese Rückbesinnung ist ein Megatrend. Und mit der Technik wird die Anbahnung mit den Nachbarn noch unkomplizierter. 

Dabei sollte man meinen, dass nichts einfacher ist, als beim Nachbarn anzuklopfen, ohne Internet.

Das wollen wir gar nicht ersetzen, sondern eine sinnvolle Ergänzung sein, die noch mehr Kontakte und Austausch ermöglicht.

Ein Beispiel, bitte. 

Wenn ich einen speziellen Bohrer suche, dann will ich nicht bei zehn Nachbarn klingeln und diese in die Verlegenheit bringen, Nein sagen
zu müssen, falls sie ihn mir nicht leihen wollen. Wenn ich aber 300 oder – bei großen Nachbarschaften – 3.000 Menschen online anspreche, dann müssen sich nur die melden, die mir den Bohrer tatsächlich leihen wollen. 

Man könnte doch auch über seine Facebook-Community suchen.

Bei Facebook kommuniziere ich mit Menschen, die ich schon kenne, die oft das gleiche Alter haben und die gleiche Partei wählen wie ich. Außerdem leben sie auf der ganzen Welt verstreut. Das heißt: Man redet nicht mehr mit Menschen anderen Alters, anderer sozialer oder geografischer Herkunft und man begegnet ihnen nicht mehr. Wir bieten lokalen Gemeinschaften sichere Online-Orte für Beziehungen und Freundschaften. 

Vor allem in Ballungsräumen domi­niert ein Thema: der Mangel an Wohnraum. Diskutiert die Nebenan-Community auch darüber?

Absolut. Wir spüren, wie hitzig die Diskussionen geführt werden, etwa über die Gentrifizierung einzelner Viertel. Außerdem verzeichnen wir immer mehr Initiativen zur Rettung lokaler Einrichtungen oder des Einzelhandels und sehr viele Wohnungsgesuche, aber kaum Angebote. Und noch etwas fällt mir auf. 

Was denn?

Nachbarschaften werden immer homogener. Ihnen fehlt die Durchmischung. Was dazu führt, dass die sozial Schwächeren immer stärker an den Rand gedrängt werden und in ihrer eigenen Blase leben.

GRÜNDER

Michael Vollmann

Sozial: Der Geschäftsführer der nebenan.de-Stiftung war zuvor Mitglied der Geschäftsführung bei Ashoka Deutschland

Ihr Ziel ist es, den Austausch über soziale Grenzen hinweg zu fördern. Erreichen Sie sozial Schwächere?

Da wir unsere Nutzer nur nach den Daten fragen, die wir zum Betrieb der Plattform wirklich brauchen, haben wir darüber keine verlässlichen Angaben. Ich vermute, dass wir bislang nur Menschen erreichen, die zukunftsgewandt, technikaffin und der deutschen Sprache mächtig sind. Diejenigen hingegen, die am meisten von einer Plattform wie unserer profitieren könnten, sind oft die, die man am schwersten erreicht. Wir zerbrechen uns gerade den Kopf darüber, wie wir das ändern können.

Wie viel soziale Durchmischung braucht denn eine Nachbarschaft?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Die Dosis ist wichtig. Bei zu viel Fluktuation lassen sich Menschen nicht auf ihren Wohnort ein. Es braucht eine Mischung aus alteingesessenen und jungen Nachbarn, die eine andere Dynamik und neue Ideen reinbringen, woraufhin Kreative folgen. Aber wenn ich nur mal mein Viertel nehme, Berlin-Kreuzberg, sehe ich das Gegenteil: Wir wohnen mit zwei Kindern auf 70 Quadratmetern, haben also zu wenig Platz. Unter uns lebt eine Dame alleine in einer Wohnung, die ihr zu groß ist. Wir beide ziehen aber natürlich nicht um, weil wir einen so günstigen Mietvertrag nicht noch mal bekommen würden. Dadurch kann der Markt nicht agieren.

Ein Konzept gegen den Wohnungsmangel ist die Nachverdichtung. Hat sie Folgen für Nachbarschaften?

Wir brauchen mehr Wohnraum, gar keine Frage, und er muss auch bezahlbar sein. Es gibt aber eine Kehrseite. Mit jeder Nachverdichtung steigt nämlich die Konkurrenz um den vorhandenen Platz. Die Flächen, die nachträglich bebaut werden – bei Aufstockungen verhält es sich anders –, hätten ja auch für gesellschaftliche Initiativen und kreative Zwischennutzungen wie Urban Gardening oder selbst gebaute Spielplätze genutzt werden können. Davon haben wir sehr viele auf unserer Plattform. Für sie dürfte es schwerer werden.

Ein weiteres Schlagwort: Quartiers­entwicklung. Werden Nachbarn bereits ausreichend einbezogen?

Es gibt tolle Beteiligungsworkshops, aber damit erreicht man immer nur dieselben fünf Prozent. Man muss mehr von den Nachbarn her denken und die Beteiligung für die Masse zugänglich machen. Die Digitalisierung kann helfen, die Möglichkeiten werden aber noch nicht ausgeschöpft.

Online-Beteiligung, weil viele gar keine Chance der Teilnahme haben?

Ja. Wir sind zwar alle Nachbarn, aber zugleich eben auch vielbeschäftigte Berufstätige, Pendler und Mütter und Väter mit weiteren Verpflichtungen. Online-Umfragen könnten in diesem Fall Anwohner gezielt und lokal ansprechen. Wir probieren das gerade aus und arbeiten unter anderem mit den Städten Hannover und Nürnberg an Online-Beteiligungsinstrumenten, die Entscheidern mehr Einblicke in Viertel geben sollen. Ohne personenbezogene Daten, natürlich.

Kennenlernen, helfen, feiern: Nebenan.de hat das Ziel, neue und zufällige Offline-Begegnungen unter Nachbarn zu fördern und existierende Hemmschwellen abzubauen

Nachbarschaften bestehen auch aus Immobilien. Schaffen diese bereits Möglichkeiten, damit sich Gemeinschaftssinn entwickeln kann?

Ich bin kein Architekt, aber wenn ich sehe, dass vielfach Orte fehlen, an denen Menschen zufällig ins Gespräch kommen können, dann darf man sich nicht wundern, wenn sie nur übereinander wohnen und kaum miteinander zu tun haben. Es braucht Orte zum Verweilen, wie Spielplätze oder Räume, in denen man Partys feiern oder ein Projekt umsetzen kann. Stattdessen wird der Raum für Parkplätze genutzt.

Irgendwo müssen die Autos ja hin.

Ich finde es erstaunlich, dass den Deutschen das Auto immer noch so heilig ist. Wenn man es durch mehr Fahrräder, ÖPNV und Carsharing ersetzen würde, wäre viel mehr Luft zum Atmen da. Aber stattdessen sind Wohnungsunternehmen bei Neubauten immer noch verpflichtet, Parkplätze einzuplanen. Daran erkennt man, wie tief die Autokultur in unserer DNA einprogrammiert ist.

Wenn man wie Sie versucht, Menschen zusammenzubringen, wird es schnell politisch, oder?

Das stimmt und deshalb wollen wir noch einen Schritt weitergehen und Demokratie lokal erlebbar machen. Zur Europawahl startet unsere gemeinnützige Tochter, die nebenan.de – Stiftung, eine Kampagne zur Stärkung der Wahlbeteiligung. Wir brechen die abstrakte Ebene Europa runter und zeigen, welche Folgen die dort getroffenen Entscheidungen für die jeweiligen Regionen haben. Wir orientieren uns an Formaten wie „Deutschland spricht“ von „Zeit Online“, abgeordnetenwatch.de oder dem Wahl-O-Mat und zeigen etwa, wie jede einzelne Nachbarschaft abgestimmt hat. Das soll den Ehrgeiz der Menschen wecken. Wenn uns das gelingt, setzen wir die Kampagne auch bei anderen Wahlen ein.