by inWirtschaft & Unternehmen on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für Mut zur Vielfalt – Diversity in Unternehmen

Mut zur Vielfalt – Diversity in Unternehmen

Zukunftsfähige Unternehmen müssen vielfältige Mitarbeiter haben – weil diese flexibler reagieren als homogene Teams. Die deutsche Wirtschaft tut sich damit aber noch schwer

Illustration: Raymond Biesinger

Auf den zehnten Geburts­tag der „Charta der Vielfalt“ hatte sich Ana-­Cristina Grohnert gefreut. Sie, die Vorstandsvorsitzende des gleichnamigen Vereins, wollte feiern und auf einer Konferenz die Erfolge hervorheben. 

Doch dann, am Tag des Jubiläums, wurde in den USA die Wahl von Donald Trump bestätigt. Und plötzlich fühlte sich der Fortschritt nichtig an. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagte Grohnert an jenem Morgen in Berlin. „Wir kämpfen hier für bestimmte Werte, und Trump hat mit einem Wahlkampf gewonnen, der gegen all diese Werte stand.“

Seit diesem 10. November 2016 ist einige Zeit vergangen. Gelöst sind die Probleme nicht. Auch in Deutschland werden Ängste geschürt und Menschen eingeschüchtert, ausgegrenzt oder angegriffen, wie einige Taten belegen. Die Charta der Vielfalt will das Gegenteil erreichen. Die Initiative wirbt seit 2006 für das Anerkennen von Andersartigkeit im Alltag und für eine Wirtschaft, in der ethnische Herkunft und Nationalität, Alter, sexuelle Orientierung und Identität, Religion, Behinderung sowie das Geschlecht Einzelner keine Rolle spielen.

Hans Jablonski, einer der ersten Diversity-Manager Deutschlands und Mitbegründer der Charta, sagt, dass immer mehr Firmen die Chancen, die darin liegen, erkennen. Unter anderem beim Recruiting von Fachpersonal und Spezialisten. Auch die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens lasse sich durch gemischte Teams deutlich steigern. „Homogene Teams entwickeln in der Regel nur Ideen, die schon immer entwickelt wurden. Innovation entsteht dann, wenn Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen daran feilen“, so Jablonski. Unternehmen, die Vielfalt leben, würden damit zugleich die Motivation ihrer Belegschaft stärken. „Wer motiviert ist, weil er so angenommen wird, wie er ist, wertgeschätzt wird und sich bei der Arbeit verwirklichen kann, der arbeitet mit Leidenschaft.“

3.000 Charta-Unternehmen 

In seiner Zusammenarbeit mit deutschen DAX-Unternehmen erlebt Hans Jablonski einen immer bewussteren Umgang mit Diversität. „Als wir vor 13 Jahren die Charta der Vielfalt ins Leben riefen, war das Interesse daran nur gering. Vier Unternehmen – BP, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Daimler – unterschrieben die Erklärung, zur groß angekündigten Pressekonferenz im Bundeskanzleramt erschienen gerade mal zwei Journalisten.“ Inzwischen zählt die Charta mehr als 3.000 Unterzeichner. „Die Unternehmen merken, dass das gesellschaftliche Umfeld an Dynamik zunimmt und ihre eigene Homogenität nicht mehr zukunftsfähig sein kann.“

»Wer motiviert ist, weil er so angenommen wird, wie er ist, wertgeschätzt wird und sich bei der Arbeit verwirklichen kann, der arbeitet mit Leidenschaft«

Hans Jablonski, Mitbegründer der Charta der Vielfalt

Trotzdem entwickelt sich „Diver­sity Management“ in Deutschland erst langsam zu einem bewusst eingesetzten Instrument. Die PageGroup, ein internationaler Personalberater, befragte im November 2018 in Deutschland 139 für das Thema verantwortliche Personen und stellte einen leichten Aufwärtstrend fest: Während sich 2015 knapp die Hälfte der Teilnehmer der Umfrage in irgendeiner Form mit dem Thema Vielfalt auseinandergesetzt hatte, waren es jetzt 63 Prozent.

Umgesetzt werden nach Angaben der Charta der Vielfalt vor allem flexible Arbeitszeitmodelle und Arbeitsorte, darüber hinaus Maßnahmen zur Personalentwicklung wie Talente-Pools, die Förderung von Mitarbeiternetzwerken für Frauen, Eltern, Migranten, Schwule und Lesben sowie Trainings zur Arbeit in gemischten Teams und die Implementierung von Diversity-Abteilungen.

Einer anderen Untersuchung aus dem vergangenen Jahr zufolge sind andere Länder den hiesigen Unternehmen allerdings voraus. Wie die deutsch-schwedische AllBright Stiftung ermittelte, liegt Deutschland im Vergleich mit Frankreich, USA, Großbritannien, Polen und Schweden mit Abstand auf dem letzten Platz bei der Frage, wie viele Frauen die großen Börsenunternehmen ins Top-Management holen. Bei 12 Prozent liegt ihr Anteil – die kleinen und mittelgroßen Börsenunternehmen beschäftigen noch weniger Frauen. „Frauen im Top-Management werden in Deutschland als schwierige Herausforderung wahrgenommen, in anderen Ländern sieht man neue Möglichkeiten“, bilanzierten die Autoren und schrieben von der „Macht der Monokultur“, weil 110 von 160 Börsenunternehmen noch keine Frau in ihren Vorstand aufgenommen haben. „Monokulturen sind bei konstanten Bedingungen effizient – in einer veränderlichen Umwelt sind sie jedoch anfällig und wenig anpassungsfähig; in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung ist das für Unternehmen ein großes Problem.“

Mieter aus 170 Nationen 

Bei Vonovia liegt der Frauenanteil über dem Durchschnitt, bei 25 Prozent im Vorstand sowie bei 33 Prozent im Aufsichtsrat. Trotzdem kennt das Unternehmen die Herausforderungen, die die Förderung von Vielfalt mit sich bringen: Die Mieter kommen aus 170 Nationen, die Mitarbeiter aus 60 Ländern. Deshalb arbeitet das Unternehmen daran, die Verständigung, Sprachkompetenz und Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen voranzubringen. „Wir sehen in der Vielfalt unserer Belegschaft ein deutliches Plus“, sagt ­Jonathan ­Przybylski, Referent für Nachhaltigkeit. „Zum einen, weil damit unterschiedlichste Erfahrungen, Sichtweisen und Perspektiven in unseren Alltag einfließen, und zum anderen, weil sie den Kontakt zu unseren Mietern erleichtert.“

Charta der Vielfalt e.V.

Der Verein ist die zentrale Instanz zur Förderung von Vielfalt. Rund 3.000 Organisationen mit insgesamt über 11 Millionen Beschäftigten haben seine Erklärung unterschrieben – angesichts von mehr als 370.000 Unternehmen in Deutschland, die mindestens 10 Mitarbeiter beschäftigen, ließe sich allerdings noch mehr Vielfalt verwirklichen. www.charta-der-vielfalt.de
Foto: Rawpixel.com/Shutterstock

Mehr als die Hälfte der rund 10.000 Mitarbeiter arbeitet in technischen Berufen, bei denen es um Instandhaltungen, Kleinreparaturen und Sanierungen geht – und überdurchschnittlich viele haben einen Migrationshintergrund. „Unsere Offenheit für Vielfalt ermöglicht ihnen einen sicheren Arbeitsplatz und uns bessere Recruitingchancen, vor allem auf dem hart umkämpften Handwerkermarkt“, sagt ­Sabine ­Thiede, Abteilungsleiterin Ausbildung. So unterstütze ­Vonovia in Rumänien und Polen Fachkräfte bei der Anerkennung ihrer Abschlüsse in Deutschland. Außerdem gibt es eine arabische Kundenhotline, Seminare zur Förderung der interkulturellen Kompetenz von Mitarbeitern, Ausbildungen junger Geflüchteter sowie flexible Arbeitszeit­modelle für junge Eltern.

Betrachtet man die gesamte Wirtschaft, geht es aber zu langsam voran. Darin sind sich viele Beobachter einig. Lässt sich das ändern? Kann – oder sollte man – Unternehmen zu mehr Vielfalt verpflichten, wie es Bundesfamilienministerin ­Franziska ­Giffey befürwortet, die Ausgleichszahlungen bei Verstößen ins Spiel brachte?

Unternehmen, die einsteigen wollen, rät Experte Hans Jablonski, sich nicht auf einzelne Kriterien wie die stärkere Einbindung von Frauen zu beschränken. Damit könne die Reise beginnen, das reiche aber noch nicht. Das Ziel müsse ein bewusstes Leben von Vielfalt auf allen Unternehmens­ebenen sein. Es gehe darum, Diversity als Managementansatz zu verstehen und zum festen Bestandteil der Unternehmensstrategie zu machen. Wertschätzung und gegenseitiger Respekt müssten zu Werten der Unternehmenskultur werden, so der Berater.

Wie das gelingen kann? Allem voran durch ein überzeugendes Engagement der Führungskräfte. „Das Top-Management ist der wichtigste Treiber. „Die Unternehmensspitze müsse – auch persönlich – als Vorbild für Veränderung stehen. Bei diesem notwendigen Kulturwandel beschreibt Hans Jablonski gerade die großen deutschen Unternehmen immer noch als träge und zu unflexibel. „Ich beobachte, dass hier zum Teil mehr diskutiert als gemacht wird.“ Jetzt gehe es darum, mutig zu sein und Bestehendes infrage zu stellen. Dann sei Vielfalt machbar.