by inStädte & Quartiere on20. Juni 2018 Kommentare deaktiviert für Möbel aus Müll

Möbel aus Müll

Wie Essener Designstudenten ein Straßen-Ärgernis in den Stolz des Stadtteils 
verwandeln

Ach ja, der Sperrmüll. Überall, wo Menschen sehr dicht und anonym nebeneinanderwohnen, liegen am Bordstein und auf den Grünflächen hier und da fleckige Polstersessel und Matratzen, schadhafte Waschmaschinen und Hometrainer, durchbrochene Lattenroste und ausgehebelte Schranktüren herum. Entweder leidlich geordnet, wenn am nächsten Morgen die Stadtreinigung kommt. Oder ungeordnet und wild, weil jemand den bequemsten Entsorgungsweg genommen hat, weil der Weg zum Recyclinghof angeblich so weit und die Zeit bis zum nächsten Abfuhrtermin so lang ist. So auch im Essener Eltingviertel.

Gleich nördlich der Innenstadt leben hier viele Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen; die Kennziffern zum Einkommen, zur Bildung, Arbeit und deutschen Staatsangehörigkeit gehören zu den niedrigsten in Essen. Das Viertel hat schöne Fassaden aus der Gründerzeit, viele Laden- und Kneipenräume wurden neu belebt. Der Stadtteil, der lange in Vergessenheit geraten war, wandelt sich langsam zum multikulturellen Kiez, der bei Studenten ebenso beliebt ist wie bei Künstlern. Und doch bleibt das Problem mit dem Sperrmüll. Zu oft werden die alte Sitzgruppe oder der ausrangierte Fernseher nachts einfach vor der Tür abgeladen.

Manche Leute im Eltingviertel gucken über die Haufen hinweg, viele ärgern sie, doch die beiden Designstudenten Lena Halbedel und Florian Krohm von der renommierten Folkwang-Hochschule betrachten sie mit wohlwollender Neugierde. „Ein Sperrmüllhaufen ist wie ein lebender Organismus“, hat Krohm festgestellt. „Er wächst, er schrumpft, er verändert seine Zusammensetzung.“ Halbedel und Krohm haben Großes damit vor: Sie wollen ausgerechnet mit dem, was heute so schäbig wirkt, dem Viertel mindestens einen Anflug von Heimatstolz schenken: Den Elting-Sperrmüll veredeln sie zu Elting-Möbeln. Zunächst mit Auge und Kopf sortieren sie jeden Sperrmüllhaufen, den sie im Viertel sehen. Halbedel unterteilt in „Dinge, die noch etwas taugen und die oft auch Leute mitnehmen – vor allem Sitzmöbel. Zweitens in unverwendbaren Müll und drittens in Stoffe, aus denen man noch etwas machen kann.“ Zur dritten Gruppe gehören die Platten aus Holz und Pressspan, die früher zu Schränken oder Regalen gehörten und jetzt besonders sperrig auf den Gehsteig ragen.

100 Euro

kostet ein Upcycling-Hocker – womit man auch das Quartier fördert

Gute Gentrifizierung fürs Gefühl
Solche Platten schleppen die beiden Nachwuchsdesigner in einen Laden, der früher Kiosk war und ihnen jetzt von der Eigentümerin Vonovia mietfrei überlassen wurde. Von dort kommen die Platten in eine Behindertenwerkstatt, werden dort zersägt, gefräst, geleimt und starten am Ende ein zweites Leben – als originelle, praktische Hocker, für die Halbedel und Krohm sogar einen bequemen Tragegriff im Bein designt haben.

Es handelt sich wohlgemerkt um Elting-Hocker. Halbedel und Krohm verkaufen sie für den bewusst symbolisch hohen Preis von 100 Euro. „Made in Elting“ ist das Gütesiegel dazu. Das Ganze ist nicht Kommerz, sondern aufwertende Quartiersarbeit. Eine hintergründige, subtile Gentrifizierung fürs Gefühl gewissermaßen, von der aber in diesem Fall die Menschen profitieren sollen, die schon da sind. „Wir beeinflussen die Wahrnehmung“, sagt Halbedel selbstbewusst. „Was bisher als schäbig gilt, erweist sich plötzlich als nützlich. Es ist die Ressource für ein liebevoll handgemachtes und durchaus wertvolles Produkt.“

Nicht zuletzt ein individuelles: Jedem Hocker soll man die Herkunft ansehen – den weißen Ikea-Lack, das dackelbraune Oma-Furnier oder das gelbliche Holzmuster. Jeder Hocker erzählt so ein wenig von seiner eigenen Geschichte.

Bloß keine Hipster-Meile
Florian Krohm wohnt seit fünf Jahren im Viertel. „Die Gegend ist eigentlich eine Perle, aber weit unter ihren Möglichkeiten“, sagt er. Ein Gründerzeitquartier, dem das Bunte, Lebendige, Kreative solcher Gegenden lange Zeit abging. Das stört auch Vonovia, der ein Drittel der Häuser im Eltingviertel gehört. Sie saniert und modernisiert, bringt Balkone und Dämmung an, rodet Büsche und verschönert Hinterhöfe. Das Eltingviertel soll damit nicht zur Hipster-Meile werden. Es sollen aber soziale Aufsteiger möglichst im Quartier bleiben, statt in eine feinere Gegend abzuwandern. Und es sollen sich ohne Verdrängung unter die heutigen Bewohner auch andere mischen, zum Beispiel Leute von der nahen Universität oder aus den Büros der ebenso nahen City.

»Was bisher als schwäbisch galt, erweist sich plötzlich als nützlich«

Lena Halbedel, Designerin

Äußerer Chic reicht nicht
Bei Vonovia wissen sie auch, was Lena Halbedel ausspricht: „Es reicht nicht, dass das Äußere schicker wirkt. Das Viertel muss auch in den Köpfen der Leute aufgewertet werden.“ Das geht noch besser, wenn sie nicht nur den Designern zugucken, sondern selbst mit anfassen. Auf Stadtteilfesten und in ihrem Laden bieten Halbedel und Krohm Mitarbeit am Hocker oder auch das Selbstbasteln von Flechtkörben und Schlüsselanhängern aus Metallbändern an. Und am Sperrmüll im Viertel haben die beiden beobachtet: „Es scheint, dass auch andere jetzt öfter mal etwas verwerten. Die Haufen sind kleiner und schrumpfen schneller als früher.“

Nachdem Lena Halbedel schon ihre Bachelor-Arbeit übers Eltingviertel geschrieben hat, streben die beiden jetzt den Mastertitel mit Arbeiten aus, über und für das Quartier an. Design sei für sie weit mehr als schicke Gestaltung, sagt Krohn: „Es kann nicht nur hier in Essen Anstöße geben, dass ein Stadtviertel ästhetisch, sozial und kulturell auflebt.“

Stuhlbeine werden geformt, gestrichen und poliert – das schafft auch Arbeit für eine Behindertenwerkstatt

Das Stuhlbein aus Sperrmüll kommt zum Schluss. Jeder Hocker ist ein Einzelstück