by inBauen on15. Februar 2017 Kommentare deaktiviert für Kluge Baukästen: Wohnglück aus der Fabrik

Kluge Baukästen: Wohnglück aus der Fabrik

Module können den Wohnungsbau günstiger, schneller und besser machen. Aber er wird nicht monoton und schlecht, sondern bereichert bestehende Quartiere um neue Qualitäten

Serienproduktion:

Im Modulbauwerk in Lingen an der Ems werden die Elemente montiert. Noch wirken alle gleich – vor dem weiteren Ausbau.

Foto: Simon Bierwald/ Vonovia

Bochum-Hofstede, ein beschauliches Siedlungsgebiet im Herzen des Ruhrgebiets. Erst kommen Doppel- und Reihenhäuser in Fertigbauweise, dahinter stehen vier gleiche Mietshauszeilen aus der Nachkriegszeit. Die Architektur wirkt sehr seriell hier. Nur der jüngste Bau nicht: Er ist kantig, doch mit zehn Ecken und Winkeln lebhaft gegliedert. Vor der Haustür ist ein netter kleiner Vorplatz, im Treppenhaus fällt Licht von oben durchs Dach und einen Fensterschlitz von draußen. Auf jeder Etage sind fünf unterschiedliche Wohnungen mit zwei, drei oder vier Zimmern – jede mit anderen Raumgrößen, Grundrissen, Fensterreihen und Balkonen.
Ausgerechnet dieses eigenwillig wirkende Haus ist aber kein gebauter Spezialfall, sondern bildet den Auftakt zu einer Großserie von Häusern in ganz Deutschland. Und ausgerechnet dieses Haus ist nicht als architektonisches Einzelstück entworfen und individuell gefertigt, sondern aus Standard-Elementen zusammengesetzt:  Raummodulen aus der Hausfabrik, die per Lastwagen kommen. Sie sind stets 6,50 mal 3,12 Meter groß, mit gleichartigen Fenstern, Türen und Anschlusspunkten für den Zusammenbau. Auch Leitungen, Kabel, Heizungen und an Außenwänden die Dämmschichten werden schon im Werk montiert. „Wir nennen das unsere Lego-Steine“, sagt Konstantina Kanellopoulos, Leiterin des Produktmanagements bei der Bauherrin Vonovia. „Die sind extrem standardisiert, man kann aber die tollsten Dinge damit machen.“

Gleiche Module – vielerlei Häuser

Die immer gleichen Einzelmodule ergeben lang gestreckte oder kompakte Häuser von drei bis acht Etagen oder abgestuft mit unterschiedlichen Höhen. Es kann Treppenhaus und Fahrstuhl in der Mitte geben wie in Bochum oder Treppen, Aufzüge und Laubengänge an der Seite. Standardisierung im Einzelnen, Vielfalt im Großen – beides ist gleichermaßen wichtig für Vonovia, wie Kanellopoulos erläutert: „Per Standardisierung senken wir Kosten, verkürzen die Bauzeit und schaffen eine höhere Qualität, weil die Module nicht bei Wind und Wetter auf der Baustelle montiert werden, sondern kontrolliert und in sorgsamer Ausführung in der Halle. Und die Vielfalt im Großen muss sein, damit wir für unterschiedlichste Orte jeweils das Passende planen können.“
Passen muss es, da Vonovia keine neuen Siedlungen draußen auf der Wiese baut, sondern in bereits bestehenden Quartieren. Von denen sind viele aus der Nachkriegszeit, in der die zerbombten Städte viel freien Platz boten und das Ideal der grünen, aufgelockerten Stadt galt. In Bochum-Hofstede zum Beispiel ist allein die zentrale Wiese im Karree mit dem Neubau 3000 Quadratmeter groß – fast wie ein halbes Fußballfeld.
Trotzdem findet natürlich jeder Neubau ältere Nachbarhäuser vor, auf die er Rücksicht nehmen muss. Zu ihnen muss er in gebührendem Abstand stehen, damit noch die Sonne scheint und die Nachbarn nicht gar zu nah sind. Ältere und neue Häuser sollen einander wenig Sonne nehmen und in Höhe und Größe nicht gar zu unterschiedlich sein. „Also verlangt jedes Baugrundstück ein anderes Gebäude“, folgert Kanellopoulos. „Wir könnten nicht ein Einheitshaus entwerfen und das dann hundertfach überall im Land aufstellen.“
Aber warum macht es sich Vonovia so schwer und bebaut statt weniger blanker Großfelder viele kleine, manchmal komplizierte Parzellen? „Zunächst ganz einfach, weil sie uns gehören und wir sie nicht kaufen müssen. Dann, weil wir die Quartiere, die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Menschen dort bestens kennen. Weil wir in die Quartiere neue Wohnangebote, mehr Vielfalt und Leben bringen und die Infrastruktur besser auslasten“, sagt die Produktmanagerin Kanellopoulos. Nicht zuletzt brauche es anders als auf der grünen Wiese kein langwieriges Planverfahren mit Stadtratsabstimmung und vielleicht vielen Diskussionen.

Zimmer am Kran:

Ein ausgebautes Modul wird auf der Baustelle
herabgelassen. Fenster, Rohre und Leitungen sind schon eingebaut.

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

Kern aus Beton:

Der Erschließungskern mit Treppe und Fahrstuhlschacht wird noch herkömmlich gebaut – hierfür taugt Modulbau nicht.

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

Stock auf Stock:

Die Montage der Module dauert nur wenige Tage. Das verkürzt die Bauzeit vor Ort drastisch – was auch die Nachbarn freut.

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

Bürokratie und Parkplätze

Für die nötige Baugenehmigung eröffnet
 der Modulbau noch ganz andere Perspektiven: Wenn eine Stadt für einen Bautyp die Statik, den Brandschutz, das Energiekonzept und vieles mehr genehmigt hat – warum müssen dann die nächste und übernächste Stadt sich und dem bauwilligen Unternehmen die Mühe machen, jedes Mal eine neue Genehmigungsprozedur durchzuführen? Kanellopoulos wünscht sich eine standardisierte Genehmigung – was am ersten Ort geprüft und für gut befunden wurde, hat damit grünes Licht für fünf oder fünfzig andere. Aber noch dürfen Gemeinden so nicht handeln, selbst wenn sie wollten. Deutschlandweit funktioniert es auch schon deshalb nicht, weil 16 Bundesländer 16 unterschiedliche Bauordnungen haben. Berlin erlaubt zum Beispiel siebengeschossige Holzwohnhäuser, Bayern nur dreigeschossige.
Dazu kommen Bundes-, EU- und DIN-Normen-Höchststandards für das Energie- sparen, für Schallschutz, Barrierefreiheit und vieles mehr. Besonderen Kummer macht Kanellopoulos die Stellplatzpflicht: „Selbst, wenn in einem Haus vor allem Studenten oder Rentner leben, verlangen die Städte oft für jede Wohnung einen Stellplatz und für größere Wohnungen rechnerisch eineinhalb. Und wenn das aus Platzgründen nur per Tiefgarage geht, macht es alle Einsparbemühungen an anderer Stelle zunichte.“

Dazu kommen Bundes-, EU- und DIN- Normen-Höchststandards für das Energiesparen, für Schallschutz, Barrierefreiheit und vieles mehr. Besonderen Kummer macht Kanellopoulos die Stellplatzpflicht: „Selbst, wenn in einem Haus vor allem Studenten oder Rentner leben, verlangen die Städte oft für jede Wohnung einen Stellplatz und für größere Wohnungen rechnerisch eineinhalb. Und wenn das aus Platzgründen nur per Tiefgarage geht, macht es alle Einsparbemühungen an anderer Stelle zunichte.“

„Wir denken uns kein Einheitshaus aus und stellen es überall in Deutschland hin. Auch ein Serienprodukt ist vor Ort individuell.“

Konstantina Kanellopoulos, Leiterin Produktmanagement bei Vonovia

Barrierefrei und gut geschnitten

Manchmal lässt sich das Parkproblem aber zu ebener Erde lösen, so auch in Bochum. Hier gibt es keine Tiefgarage, ja noch nicht einmal einen Keller, stattdessen Abstellräume im Erdgeschoss – natürlich ab Werk in die Module integriert. Wegen der Vorfertigung geht der Bauprozess vor Ort schneller, leiser, weniger staubig und mit weniger Anlieferverkehr vonstatten – in Bochum dauerte er nur vier Monate.
Seriell geplant und montiert, das klingt erst einmal karg und nur für genügsame Lebenskünstler gebaut. Nicht so in Bochum: Die auf diese Weise entstandenen Wohnungen sind barrierefrei erreichbar, haben geräumige, gleichfalls standardisierte Balkone, bodentiefe Fenster und sorgsam durchdachte Raumzuschnitte. „Ein Serienprodukt ist alles andere als ein schlechtes Produkt“, sagt Kanellopoulos. Es ermöglicht Qualitäten für viele, die sonst weniger Menschen vorbehalten blieben. Den Quadratmeter Neubauwohnung kann Vonovia in Bochum unter 10 Euro pro Quadratmeter vermieten. Das erlaubt Angebote auch für Menschen und Orte, deren Kaufkraft nicht für konventionell gefertigte neue Wohnungen reicht.
Äußerlich simple Massenware, rein technisch und ohne Gestaltungs-Ehrgeiz erdacht? Dem widerspricht die Architektin Nina Bendler vehement. Sie ist Direktorin des Essener Büros Koschany + Zimmer Architekten KZA, das das Bochumer Haus entworfen hat. Und dass mit viel Gestaltungslust, wie Bendler berichtet: „Wir haben erst einmal angefangen, den Wohnungsbau neu zu denken.“ „Größen nach Sozialbaurichtlinien, DIN-Normen, Gewohnheiten – all das sollten und wollten wir infrage stellen.“ Statt wie oft üblich die Wohnfläche zu maximieren, optimierten die Architekten sie. Stets ging es darum, „auf weniger Quadratmetern gleich viel Wohnqualität
zu haben. Man soll im Alltag nicht merken, dass an Fläche gespart wird.“ Wohl aber am Portemonnaie: Die Miete kann hundert Euro niedriger sein als in einer Wohnung mit weniger effizientem Grundriss, die mehr Fläche hat, aber nicht mehr Raum bietet.

Gestapelt:

Binnen Kurzem sind drei Etagen emporgewachsen.

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

Begehrt:

Wohnungssuchende freuen sich über den Neubaustandard
für günstige Mieten.

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

Montiert:

Von Bauleuten verlangt die Modul-Montage mehr Fingerspitzengefühl als Kraft.

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

Aber sieht nicht die Welt irgendwann schrecklich monoton aus, wenn überall Gebäude aus den gleichen Modulen stehen? Für Vonovia stellt Kanellopoulos klar: „Wir möchten nicht jedes Mal ein neues Stück Baukunst kreieren. Unsere Kunden wollen und können schließlich keine bewohnbaren Kunstwerke bezahlen.“ Es drohe aber auch keine Monotonie, beruhigt die Architektin Bendler: „Erstens entstehen die neuen Häuser nicht an einem Ort geballt, sondern zwischen vorhandenen Häusern und sehen per se anders aus als sie. Zweitens können sie aus den Modulen nicht nur ganz unterschiedliche Häuser bauen, sondern auch variantenreiche Fassadenbilder erzeugen.“ Etwa mit unterschiedlichen Farben und Materialien. Es kann Putz sein oder Klinkerriemchen, theoretisch ginge auch Stuck, nackter Beton oder imitiertes Fachwerk.
Auch drinnen gibt es Spielraum. Zum Beispiel könnten Mieter eine gemeinsame Gästewohnung halten. Singles könnten kleine Wohnungen zum Zurückziehen haben, die gemeinsame Küchen und andere Gemeinschaftsflächen besitzen. Auch das ist im Modulbau denkbar. Er legt Standards der Montage fest – aber nicht die Wohnungen, die daraus entstehen. Und erst recht nicht das Leben, das darin gelebt wird.

Aus dem Ei gepellt:

Dem verputzten Haus sieht man die Bauweise nicht an. Balkone werden außen vorgesetzt – auch das preisgünstig und rasch

Foto: Simon Bierwald/Vonovia

„Neue Technologien im Modulbau können eine interessante Alternative bilden.“

Klaus Freiberg, Mitglied des Vorstandes der Vonovia SE
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