by inVerbessern on10. Februar 2017 Kommentare deaktiviert für Hamburg: Lichtblicke für Steilshoop

Hamburg: Lichtblicke für Steilshoop

In einer Hamburger Großsiedlung engagieren sich alle gemeinsam für das Zusammenleben, Freiräume und bessere Wohnungen

Spiegelungen:

Auf dem Foto aus dem Foyer überlagern sich Fassade und Plätze

Foto: Paula Markert

Einen ersten Frühling erlebte Hamburg-Steilshoop vor knapp 40 Jahren. Ab 1969 entstand es als eine der letzten großen Sozialbau-Siedlungen der Nachkriegszeit. Sie sollte besser sein als die zuvor gebauten, aus deren Fehlern die Planer gelernt hatten. Steilshoop bekam also keine verwirrende Anhäufung von Hauszeilen und Hochhaustürmen, sondern 22 heimelige Karrees mit grünen Innenhöfen. Es entstand keine Verkehrswüste, sondern ein ruhiger Stadtteil mit zentralen Fußweg-Alleen. Aber auch keine reine Schlafstadt, sondern ein Quartier, angereichert mit Einkaufszentrum, zahlreichen Pavillons und Kiosken.

Aber der Frühling währte nicht lange. Das damals so gern als Gestaltungsmittel verwendete Betongrau war allzu streng, und vor allem gab es Armut, Vernachlässigung und Wohnungsleerstand. In Steilshoop konzentrierten sich in den 1990er-Jahren Bewohner, die keine Alternative hatten.

Zweiter Frühling im Quartier

Doch jetzt ändert sich das. Silke Loose, die für die Vonovia deren 2100 Wohnungen im Quartier managt, und viele andere sorgen für einen zweiten Frühling des ganzen Stadtteils mit seinen 18.000 Bewohnern. Und die Aussichten sind gut, dass er nicht rasch vergeht. Die Vonovia Häuser werden optisch und energetisch aufgefrischt. „In fünf Jahren wird man sie nicht mehr wiedererkennen.“ Zwischen ihnen verwandeln sich schon jetzt unübersichtliche Fußwege in luftig klare Achsen.

Es dürfte weniger Anonymität und Einsamkeit geben, dafür ein dichtes Nachbarschaftsnetz und viel gegenseitige Hilfe. Und wenn alles gut geht, auch ein neues urbanes Zentrum für den Stadtteil.

Menschen wie Silke Loose tragen diesen Wandel. Die gelernte Immobilienfachwirtin vertritt mit Vonovia die größte Eigentümerin im Quartier. Sie kennt Mieter, die seit dem Bau des Gebiets vor fast 50 Jahren hier leben, ebenso wie den taubstummen jungen Syrer, der vor Kurzem hier Zuflucht gefunden hat. Die Arbeiterwohlfahrt ist ihr so vertraut wie die Parkdecks und die Moschee. „Teils gab es eine negative Grundstimmung“, berichtet sie. „Jetzt erkennen viele Leute, dass es wieder bergauf geht.“

»Viele Leute erkennen, dass es im Stadtteil wieder bergauf geht«

Silke Loose, Bewirtschafterin bei Vonovia

Gemeinschaftswerk namens HID

Loose arbeitet mit an einem Pioniermodell – einem so frischen, dass es nicht einmal ein deutsches Wort dafür gibt, sondern
nur den englischen Begriff „Housing Improvement District“, abgekürzt HID – Wohngebiet auf dem Weg der Besserung. Hier sitzen Vertreter der Stadt sowie der großen und kleinen Wohnungseigentümer an einem Tisch und verfügen über einen gemeinsamen Geldtopf, um das Quartier voranzubringen. Das Besondere daran: Damit nicht die einen investieren und die anderen profitieren, muss jeder Eigentümer im Gebiet mitmachen. Das gebietet der Paragraf 171f des Baugesetzbuchs. Große gingen diesen Weg gern und initiierten mit der Stadt den HID.

Die Stadtteil-Optimierer nahmen sich vor allem die zentrale Achse vor, die mit zwei Knicken einmal längs durchs Gebiet führt. Sie war über die Jahrzehnte verschlissen und in Beeten von wildem Grün bewachsen; vor allem abends war das Gehen zwischen dichten Büschen, auf schadhaften Fußwegen und unter trüben Laternen nicht gerade einladend. Aber jetzt wurde und wird aufgeräumt. Die allzu eng gepflanzten und gewachsenen Bäume und Büsche sind zum Teil schon ausgelichtet.

Die Wege und Beete sind aufgefrischt, die Laternen neu und hell. Man spaziert jetzt auch abends gern wieder durch Steilshoop. Nur der zentrale Teil fehlt noch; aber auch hier wird bald Raum geschaffen –
sogar für einen offenen Marktplatz, den der Stadtteil zuletzt nicht hatte. Gärtner von Vonovia kümmern sich regelmäßig und liebevoll um die Pflege ihrer Areale.

Und an den Vonovia Häusern rücken Karree für Karree die Handwerker an. Sie wechseln die Fenster aus und dämmen die Außenwände. Putz kommt darüber – farbig, aber nicht schreiend bunt. Die Häuser sind sich dann nicht mehr zum Verwechseln gleich, sondern jedes hat seinen eigenen Ton.
Und drinnen wird es im Winter stets muckelig warm – bei deutlich sinkenden Heizkosten.

Durchblick:

Die Wege hier sind heller und übersichtlicher

Foto: Paula Markert

»Hier gibt es viele Menschen, die mit anderen in Kontakt kommen und sich engagieren möchten«

Beatrice Roggenbach, Pädagogoin und Projektleiterin

Abstimmung mit dem Mieterbund

Die Kaltmieten steigen zwar, aber nicht über die Köpfe und Portemonnaies der Bewohner hinweg. „Wir stimmen uns mit dem Mieterbund ab“, erklärt Silke Loose. „Und wir erhöhen die Kaltmieten in der Regel nicht so stark, wie es der Gesetzgeber vorsieht.“

Es soll dabei bleiben, dass Mieter Steilshoop die Treue halten. „Viele leben hier seit Jahrzehnten“, freut sich Loose. „Sie schätzen das ruhige Wohnen, die gepflegten Höfe, das viele Grün und Wasser in der Umgebung und die Anbindung ans Zentrum.“ Heute zieht die Siedlung auch viele auswärtige Interessenten an. „Leerstand haben wir hier so gut wie nicht mehr.“ Ist mal eine Wohnung frei, wird sie innen oft komplett saniert.

Alles auf gutem Weg im Stadtteil? Nein, Kummer macht Silke Loose und vielen anderen seit Jahren das Einkaufszentrum, das nicht Vonovia gehört. „Wir hoffen, dass hier eines Tages wieder eine moderne Einkaufswelt entsteht.“

Wo sie kann, sorgt sie selbst für Belebung im Quartier. Rings um das Zentrum gibt es eine Reihe verglaster Pavillons an den Häusern und kleine freistehende Ladenbauten. Viele sind an Geschäfte vermietet – zum Beispiel an die Orchidee-Apotheke, die dem Stadtteil seit seiner Errichtung die Treue hält. Andere Räume vergibt Vonovia günstig an Vereine und Initiativen. Silke Loose ist mit allen vertraut. Da gibt es das Projekt „Q 8“, in dem die Pädagogin Beatrice Roggenbach einen ehrenamtlichen Einkaufsservice für bedürftige Senioren, Kranke oder Alleinerziehende organisiert. „Hier gibt es viele Menschen, die miteinander in Kontakt kommen und sich engagieren möchten“, berichtet Roggenbach. „Wenn wir sie in Kontakt mit anderen bringen können, die auf Hilfe angewiesen sind, dann gewinnen alle.“

Helferinnen:

Lucie Schaier, Christine Seeburg und Beatrice Roggenbach

Foto: Paula Markert

Fassaden:

An immer mehr Häusern weicht das Waschbeton-Grau freundlicheren Tönen

Foto: Paula Markert

Nordlicht, Augen auf und Agdaz

Nebenan im Pavillon der AWO koordiniert Christine Seeburg das Projekt „Augen auf“ für Senioren. „Viele brauchen Unterstützung, ziehen sich aber zugleich zurück. Da wollen wir mit einem ehrenamtlichen Besuchsdienst helfen. Und mit einer Telefonkette, mit der die Senioren regelmäßig vom Vertrauenspersonen angerufen werden.“ Auch das hilft gegen Einsamkeit. Und Silke Loose freut sich: „Mit solcher Betreuung können unsere treuesten Mieter länger in ihrer Wohnung und im Stadtteil bleiben.“

Andere Initiativen helfen Migranten, so die Arbeitsgemeinschaft für Deutsch- Ausländische Zusammenarbeit, abgekürzt Agdaz. Sein Mitbegründer Ahmed Sayed betont: „Wir sind für alle offen, die einander kennenlernen wollen.“ Der gemeinnützige Bildungsträger Alraune vermittelt Arbeitslose in Tätigkeitsfelder wie Küche, Reinigung und Hauswirtschaft; der Verein Nordlicht unterstützt Jugendliche bei ihrer Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle. Loose schätzt alle, die sich für den Stadtteil einsetzen: „Das Schöne am Stadtteil ist, dass es hier ein immer dichteres Netz von engagierten Menschen, Unternehmen und Projekten gibt, die einander vertrauen. Und noch wichtiger ist, dass die Bewohner jetzt mehr und mehr Vertrauen darin haben, dass ihr Stadtteil nicht vergessen ist, sondern dass er sich für sie und mit ihnen zum Guten entwickelt.“

Engagiert:

Ahmed Sayed ist Mitbegründer des Stadtteiltreffs Agdaz

Foto: Paula Markert

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