by inStädte & Quartiere on20. Juni 2018 Kommentare deaktiviert für Ideen für Eidelstedt

Ideen für Eidelstedt

Eine Hamburger Siedlung wird verdichtet, aber sie behält ihren grünen Charakter. Bei der Planung reden die Bewohner mit

Hamburg wächst dynamisch – und ist doch nach wie vor relativ locker besiedelt: Rechnerisch hat jeder Bewohner doppelt so viel Stadtfläche wie in Berlin und München. Das verdankt Hamburg nicht zuletzt den Jahrzehnten nach dem Krieg: Nach dem Prinzip „Licht, Luft und Sonne“ wurde ein Großteil des Raums zwischen Zentrum und Stadtrand recht locker bebaut. Grundstücke waren relativ günstig und konnten sehr großzügig ausgenutzt werden. Auch Vonovia ist Eigentümerin solcher Siedlungen.

Doch heute sind nicht nur in Hamburg Wohnraum und Bauland knapp und begehrt. Da bieten die Nachkriegssiedlungen eine doppelte Chance, erläutert Ulrich Schiller, Geschäftsführer Nord von Vonovia: „Von dem üppigen Freiraum können wir einerseits Teile nutzen, um den dringenden Bedarf an neuen, aber nicht zu teuren Wohnungen zu decken. Andererseits können dabei unsere Siedlungen grün und luftig bleiben, zugleich neue Angebote für die Bewohner erhalten und auch ästhetisch gewinnen.“

Den scheinbaren Widerspruch zwischen Bauen und Freihalten zu überbrücken ist das Ziel von Ulrich Schiller und Stefan Schneeweiß, Regionalleiter von Vonovia. Sie wollen eine einst für Eisenbahner gebaute Siedlung aus den 1960er- und 1970er-Jahren im Stadtteil Eidelstedt durch neue Wohnungen und ein zeitgemäßes Erscheinungsbild stärken.

„Laut Erhebung des Bezirksamts Eimsbüttel für Eidelstedt-Mitte kann das Eisenbahnerviertel in Bezug auf das Wohnumfeld als nicht mehr zeitgemäß beschrieben werden“, stellte Schneeweiß fest. Durch eine behutsame Nachverdichtung in Verbindung mit einer spürbaren Aufwertung des Freiraumes soll die Siedlung wieder attraktiv und lebendig werden.

Kindergarten in die Mitte
„Wir haben hier viel Raum, um Häuser neu zu bauen oder bestehende aufzustocken“, erklärt Schneeweiß. „Hier zum Beispiel dieser Flachbau, damals als Gemeinschaftswaschküche errichtet.“ Der Bau liegt inmitten der Siedlung, aber ziemlich einsam zwischen Wiesenflächen, Parkplätzen und Büschen. „Da kann stattdessen ein Gemeinschaftszentrum hin, mit einem Kindergarten, anderen sozialen Angeboten und natürlich Wohnungen. Oder dieses Ladenzentrum, dezentral und auch recht weit weg von den Wohnhäusern. Da gibt es reichlich Platz für Neubau mit Geschäften im Erdgeschoss und vielen Wohnungen darüber.“ 100 Meter weiter steht ein asphaltierter Parkplatz weitgehend leer, und Platz für stehende Autos gibt es auch am Straßenrand. Auch hier wäre Raum für Wohnungen.

»Wohnungen schaffen, aber die Siedlungen grün und luftig halten«

Ulrich Schiller, Geschäftsführer Nord von Vonovia

Seit das Viertel vor bald einem halben Jahrhundert gebaut wurde, haben sich die Anforderungen an das Wohnen und das Wohnumfeld stark verändert. In der Siedlung leben nur noch etwa halb so viele Menschen wie damals, da die Pro-Kopf-Wohnfläche auch hier stark gewachsen ist. Bedarf besteht nach altersgerechten, kleineren Wohnungen und solchen mit vier oder mehr Zimmern für größere Haushalte.

Die Stadt Hamburg ist für solche Pläne sehr aufgeschlossen. Allein in Eidelstedt kann sie sich zu den rund 1000 vorhandenen, teilweise schon energetisch sanierten und modernisierten Wohnungen bis zu 400 weitere vorstellen – die meisten in neuen Häusern, einige auch auf dem Dach vorhandener vierstöckiger Gebäude. Stefan Schneeweiß: „Unser Ziel ist es nicht, die Siedlungen maximal vollzustopfen. Denn natürlich haben wir auch die angestammten Bewohner im Auge, die das gewohnte Grün und den weiten Raum schätzen.“ Sie werden darum nicht mit fertigen Großbauplänen oder gar mit eines Morgens unerwartet anrückenden Baggern konfrontiert. Stattdessen ließ Schneeweiß im Juni in Eidelstedt einen Flyer mit dem Aufruf „Planen Sie mit!“ an die Bewohner verteilen. Das konnten sie gleich auf drei Wegen: bei einer Veranstaltung in der nahen Stadtteilschule, bei einer Vor-Ort-Umfrage einige Tage später sowie schriftlich auf einem freien Abschnitt des Flyers.

Bewohnern Ängste nehmen
Koordiniert wird dieses Verfahren durch Siegfried Berg, Leiter Städtebau und Grundstücksmanagement der Vonovia. Er hat lokale Experten engagiert: den in Kommunikations- und Beteiligungsverfahren erfahrenen Stadtplaner Daniel Luchterhandt mit seinem 18-köpfigen Team.

Vom Echo der Bürgerbeteiligung war Schneeweiß angetan: „Die Wünsche der Bewohner sind nachvollziehbar – zum Beispiel der Erhalt der grünen Achsen, neue Spiel- und Sportgeräte, die Überarbeitung des Stellplatzkonzeptes, der Bau eines Kindergartens und eines kleinen Supermarktes sowie weiterhin großzügige Abstände zwischen den Häusern.“ Es gibt keinen grundsätzlichen Protest gegen eine Nachverdichtung, wenn diese schonend und rücksichtsvoll verläuft.

Hier seien Vorurteile und Ängste zu überwinden gewesen, berichtet Stefan Schneeweiß. „Wir konnten vermitteln, dass wir die Qualitäten der Siedlung bewahren wollen – im Interesse unserer angestammten und neuen Kunden.“ Vonovia unterliegt nicht dem Zwang, sehr teuer erworbene Grundstücke bis zum letzten Quadratmeter zuzubauen. „Uns gehört die Fläche zwischen den Häusern ja schon“, erklärt Schneeweiß. „Es ist wirtschaftlich sehr reizvoll, sie für Wohnungsbau zu mobilisieren. Aber nicht zulasten der Nachbarn, sondern immer mit dem Hauptziel, die Gesamtqualität der Siedlung zu steigern.“

Vorstudien und Vorgaben weisen bereits die Richtung: Ein zentraler Grünzug, der sich wie ein Bach durch die Siedlung schlängelt, bleibt erhalten. Wege werden neu angelegt oder aufgewertet. So müssen sich zum Beispiel bisher Fußgänger und Radfahrer einen schmalen Pfad zwischen Heckengestrüpp teilen; hier soll es mehr Platz für beide geben. Der heute noch ohne erkennbares System gestaltete Grünraum wird besser organisiert. Es gibt im Quartier nicht wenige Urbewohner, die vor einem halben Jahrhundert als Familiengründer in die neue Siedlung zogen und noch heute dort leben. Das Angebot für sie ist gut – etwa in einem barrierefreien Punkthochhaus, wo nur an Ältere vermietet wird. Doch für die Neubauten hat Schneeweiß auch ein anderes Publikum im Auge: „Es gibt mehr und mehr junge Familien, die lieber in der Stadt leben wollen als weit draußen. Sie suchen Wohnungen mit etwa vier Zimmern, aber möglichst unter 100 Quadratmetern. Auf diese Nachfrage wollen wir eingehen.“

Jetzt soll das Planungsbüro Hahn Hertling von Hantelmann zusammen mit eins:eins Architekten das Konzept konkretisieren. Schon in drei bis vier Jahren könnte das Quartier ergänzt sein – viel schneller als die meisten Neubauquartiere auf der grünen Wiese.

Wilhelmsburg: Aufschwung am Teich

Ein lange Zeit wenig geschätztes Quartier erhält neue Impulse

Der Stadtteil Wilhelmsburg hatte in anderen Gegenden Hamburgs lange keinen guten Ruf: Weil es südlich des Hafens lag, galt es als abgelegen, zudem als ärmlich und arm an urbanen Reizen. Doch das hat sich geändert – nicht zuletzt dank der Internationalen Bauausstellung (IBA), die den 35 Quadratkilometer großen Inselstadtteil zwischen Norder- und Süderelbe vor fünf Jahren mit ambitionierten Projekten in den Fokus rückte.

Der Aufschwung erfasst mehr und mehr Teile Wilhelmsburgs. Zum Beispiel das Bahnhofsviertel, ein Quartier mit sechs Karrees aus der Gründer- bis Nachkriegszeit an der S-Bahn-Station, von der aus man in nur zehn Minuten in die Hamburger City kommt, und auch das angrenzende Korallusviertel, ein grünes Siedlungsgebiet der 1950er- bis 1970er-Jahre. In beiden Quartieren gab es zahlreiche Wohnungen der Bahn. Nach mehreren Eigentümerwechseln gehört jetzt der größte Teil mit 1450 Wohnungen Vonovia. Jüngster Zuwachs ist ein in den 1990er-Jahren gebauter, Anfang 2017 von einer Genossenschaft erworbener Komplex mit 74 Wohnungen.

Bunte Altbauten und grüne Siedlung
Vonovia Regionalleiter Stefan Schneeweiß hat auch hier viel vor: „Das Quartier hat insgesamt Entwicklungsbedarf und großes Potenzial.“ Als Ziele nennt er: „Die Bewohner haben oft nicht den ganz großen Geldbeutel, aber sie sollen sich das Leben hier weiter leisten können. Zugleich möchten wir neue Wohnqualitäten schaffen und auch andere soziale Schichten ansprechen, nicht zuletzt junge Familien aus anderen Stadtteilen.“

Die alten Karrees des Bahnhofsviertels sind attraktiv aufgrund ihrer Verkehrsanbindung und ihres bunten, multikulturellen Altbauviertel-Flairs. „Aber wir müssen da dringend etwas tun“, sagt Schneeweiß. Teile der Höfe sind zugewuchert; Bänke, Wege, Büsche und Müllplätze wirken teils wie ein planloses Sammelsurium. Jetzt sollen die Höfe, wo nötig, neu geordnet und zu ansprechenden, systematisch gepflegten Freiflächen umgestaltet werden. Der jüngere Siedlungsteil nördlich davon erscheint heute als getrennte Welt. Künftig soll das Quartier stärker als Gesamtheit wirken. Dem dient die Idee eines neuen Quartierszentrums, für das Raum um einen Teich in der Mitte des Gebiets ist. Heute ist er noch eingezäunt und kaum erreichbar; künftig kann sein Ufer von einer Kita und einer Begegnungsstätte, vielleicht mit einem Café, belebt sein.