by inWirtschaft & Unternehmen on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für „Ich habe eine große Melancholie gespürt“

„Ich habe eine große Melancholie gespürt“

„Zuhause“ lautete das Motto des Vonovia Awards für Fotografie 2018 – und Nanna Heitmann wurde als Nachwuchs­fotografin ausgezeichnet. Für eine Serie über die letzten Steinkohle-Kumpel Deutschlands

Nach der Schicht:  Zwei Kumpel rauchen eine Feierabendzigarette. Während der Arbeit unter Tage sind Feuer und Elektronik verboten. Dort ist Schnupftabak ihr Ersatz

Fotos: Nanna Heitmann

Frau Heitmann, Sie stammen von der Schwäbischen Alb. Hatten Sie ­irgendeine ­Beziehung zum Ruhrpott, bevor Sie die ­Kumpel der Zeche „Prosper-Haniel“ in Bottrop besucht und fotografiert haben?

Nein, ich hatte keine Vorstellung davon, wie es unter Tage aussieht. Es war alles neu und überraschend für mich: die Kälte im Winter etwa, zum Teil waren es minus 10 Grad. Oder dass die Kumpel nicht ihre eigene Unterwäsche tragen dürfen, weil sich die im Notfall zu leicht entflammen würde.

Sie sind fünfmal unter Tage gewesen. Entstanden ist dabei Ihre Arbeit „Weg vom Fenster“. Was hat Sie in den Bann gezogen? 

Diese fremde Welt und die harte Industrie­arbeit, die die Männer verrichten. Und auch der Humor und der direkte, unverstellte Umgang zwischen den Menschen. Da wird geflucht und sich gegenseitig angeschrien, aber niemand ist nachtragend. Am nächsten Tag ist alles vergessen. Ein Kumpel sagte zu mir: „Unter Tage gibt es keine Schauspieler. Deshalb fühle ich mich hier wohler als über Tage.“

Alltag: In der Waschkaue, der Umkleide, wurde Kleidung an Haken gehängt und an die Decke gezogen

»Ich muss immer wieder an meine Besuche unter Tage denken, an die Dunkelheit, die Hitze oder den dichten Staub der Kohle«

Nanna Heitmann, Fotografin

Damit muss man umgehen können.

Als ich einen der Männer mal bat, mir mein Stativ zu reichen, fragte er zurück, warum ich immer so freundlich sein muss. Aber ich habe mich schnell wohlgefühlt, auch, weil ich gleich miteinbezogen wurde. 

Es fiel Ihnen also nicht schwer, das Vertrauen der Kumpel zu gewinnen? 

Wenn ich sie zu Hause besuchen wollte, war es schwieriger. Aber unter Tage ging es schnell, vor allem bei den älteren Arbeitern. Vielleicht, weil sie sahen, dass ich ein Stück zum Erhalt ihres Stolzes beitrage, wenn ich sie fotografiere. 

Tradition: Zu einer Versammlung ehemaliger Bergmänner in Hamm reisten 800 Kumpel an – und die Ehrengarde Prosper-Haniel

Nanna Heitmann

Mehr von der Fotografin unter www.nannaheitmann.com
Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography/Vonovia

Prosper-Haniel wurde im Dezember 2018 geschlossen, es war die letzte Steinkohlenzeche Deutschlands. Eine über 200-jährige Ära ist beendet. Geht diese Kultur jetzt verloren? 

Zahlreiche Museen und Vereine versuchen, die Erinnerung aufrechtzuerhalten und ganz sicher werden Traditionen und Rituale fortbestehen. Aber es war zuletzt ja auch so, dass jüngere Kumpel aus anderen, bereits geschlossenen Zechen täglich bis zu 100 Kilometer nach Prosper-­Haniel pendeln mussten. Denen fehlte schlicht die Zeit, sich über die Arbeit hinaus intensiv mit dem Bergmannsleben zu befassen. 

Abschied: In der Kokerei Prosper-Haniel wurde bis zuletzt deutsche Kohle verarbeitet. Jetzt kommt sie aus den USA und Australien

Wie geht es mit den Kumpels jetzt weiter?

Die Jüngeren haben größere Chancen und finden recht schnell einen neuen Job, als Elektriker oder bei der Feuerwehr, wo man auch in Schichten arbeitet. Die Ausbildung, die sie in der Zeche bekommen haben, ist sehr angesehen. Für andere sieht es nicht so gut aus. Mit 49 Jahren war es ja ohnehin vorgesehen, dass Bergleute in den Vorruhestand gehen – aber wer knapp darunter liegt, profitiert von dieser Regelung nicht und muss jetzt versuchen, einen Job zu finden.

Das klingt sehr wehmütig. 

Ich habe bei den Männern eine große Melancholie gespürt. Und auch für mich war es eine besondere Zeit. Selbst jetzt, über ein Jahr später, muss ich immer wieder an meine Besuche unter Tage denken, an die Dunkelheit, die Hitze oder den dichten Staub der Kohle. Bei mir sind eine Menge Bilder hängen geblieben. 

vonovia award für fotografie

Alle Arbeiten auf der Shortlist im Netz unter https://award.vonovia.de