by inWirtschaft & Unternehmen on20. Juni 2018 Kommentare deaktiviert für Für die Zukunft ein „H“

Für die Zukunft ein „H“

Vonovia hat sich eine Zentrale gebaut, die so sein soll wie seine Mietwohnungen:
Effizient, funktional, preisgünstig und zugleich angenehm für die Menschen, die darin wohnen oder arbeiten

Wo die Bochumer U-Bahn drei Stationen südlich vom Hauptbahnhof aus der Erde kommt, grasten vor Kurzem noch Pferde. Jetzt haben sie ein ruhigeres Quartier gefunden, und die einstige Weide geht direkt von der ländlichen Vergangenheit in die Zukunft der Dienstleistungsökonomie. Hier steht die neue Firmenzentrale Vonovias – Raum für bis zu 1000 Beschäftigte. Andreas Hecker, Leiter Neubau und Flächenmanagement bei Vonovia: „Wir arbeiten heute in hochmodernen und großzügigen Büros, die strukturelle Änderungen in der Organisation des Unternehmens flexibel aufnehmen können.“

Seit Ende Mai ist der Bau fertig. Die Vonovia Mitarbeiter hatten es beim Umzug nicht weit: Die bisherige Firmenzentrale ist nur 200 Meter entfernt. Sie ist ein Komplex von Beton dominierten Stil von 1974, gebaut vom Vonovia Vorläuferunternehmen Veba Wohnen. Dieses war ein großes, aber doch regionales Unternehmen und vor allem ein Bestandsverwalter. Vonovia agiert bundesweit, entwickelt seine Bestände dynamisch weiter und baut neu. Das braucht nicht lange Flure und kleine Büros, sondern eine zeitgemäße Arbeitswelt. Und da der Mietvertrag ohnehin ausläuft, bot sich ein Wechsel an. AndreasHecker: „Wir haben viele Grundstücke geprüft.  Als bestes erwies sich das nächstgelegene zu unserer bisherigen Zentrale.“

Rasch gebaut
Systembau ist der Schlüssel zum kostengünstigen, rasch erstellten Haus.

1200 Elemente
wurden beim Systembauer Goldbeck im Werk vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch montiert.

Qualitätssicherung
ist bei der seriellen, im Werk kontrollierten Fertigung besser möglich als bei Einzelherstellung auf der offenen Baustelle.

Wohnungen
baut Vonovia modular nach gleichen Prinzipien. So entstehen gute und günstige Räume für Mieter wie für Mitarbeiter.

Es geht nicht um Repräsentation und teuren Chic: „Unser Ehrgeiz zielt auf Effizienz, Kostenbewusstsein und Qualitätsstandards“, sagt Hecker. Und er zielt nicht zuletzt auf gute und freundliche Lebensräume für die mehr als 1.000.000 Mieter. Dieses Selbstverständnis soll auch die neue Firmenzentrale vermitteln.

„Darum haben wir uns für Planung und Bau keinen Glamour-Architekten für ein luxuriöses Wahrzeichen ausgesucht, sondern einen ähnlich denkenden Planungs- und Baupartner“, sagt Hecker. Es ist das Unternehmen Goldbeck aus Bielefeld, das aus industriell vorgefertigten Stahl- und Betonteilen Bürogebäude und Parkhäuser errichtet, Industrie- und Logistikhallen – und wenn gewünscht, sind auch Schulen, Kliniken oder Wohnhäuser möglich. Das geht extrem schnell: Bei Vonovia dauert es gut eineinhalb Jahre, bis aus der leeren Fläche ein Haus mit 1200 vorgefertigten Systemelementen wird.

Module sind selbstverständlich
Hecker: „Wir sind ja selbst Bauherr von Wohnhäusern aus industriell vorgefertigten Modulen. Da war es selbstverständlich, auch die eigene Zentrale so herzustellen.“ Beim Richtfest sprach das auch die 2017 ehemalige Bundes-Bauministerin Barbara Hendricks an: „Das serielle Bauen, das hier zum Einsatz kommt, ist ein hoch-aktuelles baupolitisches Thema. Es gehört zu den Lösungsansätzen, mit denen wir die Herausforderungen auf den Wohnungsmärkten in Deutschland meistern wollen.“ Goldbeck liefert auf Wunsch auch Entwurf und Planung fürs neue Haus. Verantwortlich für den Vonovia Bau wurde Phillip Halatschev, Absolvent der renommierten Architektur-Fakultät der RWTH Aachen. „Da lernt man beides: funktionales Planen und Bauen, aber auch gestalterisch und atmosphärisch anspruchsvolles Entwerfen.“ Halatschev und seine Leute dachten sich für Vonovia diverse Hausformen aus: kammförmig, lang gestreckt und kompakt, mal höher und mal gedehnter. Nur die V-Form als gebautes Firmen-Signet war nicht dabei – das war allen Beteiligten zu plump und nicht zuletzt dysfunktional.

»Kostengünstig, aber mit klarer Formgebung«

Phillip Halatschev, Architekt des Neubaus

Stattdessen wurde es ein sieben Etagen hohes H. Das ist keine Buchstaben-Symbolik, sondern passt optimal auf das Grundstück und für den praktischen Gebrauch. In der H-Mitte betritt man das Gebäude und ist dann gleich in der „Magistrale“ – einem großzügigen Flur quer durch den Komplex, der dem H-Mittelbalken entspricht und die beiden Längsseiten verbindet.  Der nördliche Raum innerhalb des H ist nicht leer, sondern mit einem Flachbau gefüllt. Gegenüber vom Eingang an der Magistrale liegen die gemeinschaftlichen Räume, ein Konferenzzentrum sowie last but not least das Kasino für tausend Hungrige. Die Dachelemente der Versammlungsräume – ein Gründach mit gläsernen Lichtbändern – ruhen auf bis zu 20 Meter langen Stahlstützen – das spart Säulen und erlaubt mehr freien Gebrauch und Aufteilung der Räume. Andreas Hecker: „Werden hier alle Flächen zusammengelegt, die man zusammenlegen kann, dann reicht es für Haupt- und Betriebsversammlungen.“ Dach und Straßenfassade sind hier mehrfach leicht geknickt. Das lockert die großformatige Symmetrie des übrigen Baus auf und ist eine freundliche Geste an die Nachbarschaft, wie Phillip Halatschev erklärt: „Wir bringen ja unvermeidlicherweise einen ganz neuen Maßstab an diesen Ort. Aber wo wir anderen Häusern am nächsten sind, wollten wir ihnen ein wenig entgegenkommen.“

Der Wandel der Gegend von citynaher, ländlicher Weite zu städtischer Höhe und Größe war für manche Nachbarn noch gewöhnungsbedürftig. Aber Halatschev verfolgte das Prinzip, den Bau, so gut es geht, in die Umgebung einzugliedern: „Es steht nicht irgendwo auf der Wiese herum, sondern orientiert sich an den Kanten der vorhandenen Straßen und gibt ihnen neue Fassungen.“ Dass der vermeintliche Fremdkörper doch nicht so fremd wird, haben Vonovia, Goldbeck und die Stadtverwaltung Bochums auf Bürgerversammlungen vermittelt. Das nahm den Nachbarn ihre Sorgen: Kaum jemand verliert Sonne, auch wenn sie im Winter flach scheint. Kommen Beschäftigte und Besucher mit dem Auto, dann fast immer von der Schnellstraße, an der hier niemand wohnt, direkt auf den Firmenparkplatz – an den ebenfalls kein Wohnhaus grenzt.

Büroflügel bilden die Längsseiten des H. Sie sehen von außen so einheitlich und seriell aus, wie Bürobauten nun einmal sind. „Aber keineswegs billig und ohnehin mit klarer Formgebung“, betont Andreas Hecker. Wo die Quermagistralen auf die Längsbauten stoßen, lockern Balkone die langen Außenfassaden auf.

Bei Bedarf ein ganzer Campus
Die Büroräume belegen den größten Teil der 30.000 Quadratmeter großen Innenfläche. Wie in den allermeisten Bürobauten der Gegenwart haben die Fensterachsen eine Breite von 1,35 Metern. Damit lassen sich Räume jeder Größe schaffen. Die Räume sind aber großzügiger als in vielen anderen Firmengebäuden: die Decken mit Technikeinbauten drei Meter hoch und die Wände zwischen Fenster und Flur 5,50 Meter lang.

„Vonovia wollte ein Haus, das sich jedem Wandel der Organisation anpassen kann“, erklärt Halatschev. Es gibt herkömmliche, transparente Bürozellen mit Glas-Systemtrennwänden. Andere Arbeitsbereiche können zum Flur hin ganz oder halb abgeteilt oder völlig offen sein – da definiert jede Abteilung, was sie braucht. Für ästhetische Harmonie in modernen Arbeitswelten hat der Hamburger Innenarchitekt Stephen Williams gesorgt. Zum Richtfest warf Ministerin Barbara Hendricks einen Blick in ein Musterbüro und scherzte: „Die Möbel scheinen mir nicht zum Arbeiten da zu sein, sondern zum Plaudern.“

Wenn das Plaudern der Verständigung, dem Wohlbefinden und letztlich dem Arbeitsergebnis dient: gern. Vonovia will sich auch im Neubau nicht ausruhen. Andreas Hecker: „Wenn es nötig und sinnvoll ist, kann das Ganze eines Tages auch eine Büro-Campus-Struktur annehmen.“

Möbel-Ideen
Barhocker für Besprechungen, Sessel mit 50er-Jahre-Flair, ein Konferenzmöbelchen für zwei: Einrichtungsinnovationen für die Zentrale