by inPolitik & Wohnen on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für Der Wohnungsmarkt der Zukunft

Der Wohnungsmarkt der Zukunft

Urbanisierung, Bürokratie, Energieeffizienz: Die Wohnwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Fünf Megatrends, die mitbestimmen, wie wir im 21. Jahrhundert leben und wohnen

Illustrationen: Raymond Biesinger

Vor zehn Jahren hat keiner übers Wohnen gesprochen. Warum auch? Häuser waren genug da und die Geburtenraten wurden als rückläufig vorhergesagt. Heute sieht das anders aus. „Alle konkurrieren um bezahlbaren Wohnraum“, sagt Arnd Fittkau, der Vorsitzende der Regionalgeschäftsführungen bei Vonovia, „wohnen ist die soziale Frage der Zeit geworden.“ Gründe gibt es viele: die Migration, auch innerhalb der EU; die Studierenden, die eine günstige Bleibe suchen; und die Zahl der Geburten, die doch nicht so stark zurückgegangen ist. Und dann sind da noch die globalen Megatrends, die den Markt auch in Deutschland unter Druck setzen. Ein Überblick.

Deutschland altert: Es fehlt Wohnraum für Senioren

Es ist eine dramatische Prognose, die das Pestel Institut vorgelegt hat. Bis 2030 müssen in Deutschland etwa drei Millionen altersgerechte Wohnungen gebaut und umgebaut werden. Sonst drohe eine „graue Wohnungsnot“. Zwischen 1991 und 2017 ist die Zahl der über 65-Jährigen nach Angaben des Instituts von 12 auf 17,7 Millionen gestiegen. Und die Entwicklung hält an: Prognosen zufolge wird die Zahl der Senioren bis 2030 um weitere 33 Prozent steigen.

Damit ändern sich die Bedürfnisse. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, braucht einen Aufzug oder verzweifelt an einer zu hohen Schwelle zum Balkon. Nötig sei ein umfangreiches Neubau- und Sanierungs­programm, sagt Matthias Günther, Leiter des Pestel Instituts. „Barrierearme Wohnungen ermöglichen Menschen eine Pflege in den eigenen vier Wänden. Die deutlich teurere und oft nicht gewollte stationäre Pflege im Heim lässt sich so häufig vermeiden.“

Quelle: Pestel-Institut, „Wohnen der Altersgruppe 65plus“, 2018

Die Mehrkosten für Barrierefreiheit bei Neubauten beziffert das auf Seniorenimmobilien spezialisierte Unternehmen Terragon auf ein Prozent. Diese geringen Mehrkosten lägen im Interesse der Eigentümer, betont Vorstandschef Michael Held, da dadurch „ein höherer Immobilienwert gegenüber nicht barrierefreien Wohnungen“ erzielt werde. „Die Unternehmen haben ein großes Interesse daran, dass ihre Mieter möglichst lange in der Wohnung bleiben“, sagt auch Klaus-Peter Hesse, Sprecher der Geschäftsführung des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Er fordert den Staat auf, „mehr Geld zur Verfügung zu stellen und Verabredungen mit den großen Wohnungsunternehmen zu treffen, um durch Umbau barrierefreie Wohnungen im günstigen Segment zu schaffen“.

Hilfreich ist die Digitalisierung. Unter dem Begriff „Ambient Assisted Living“ (AAL) haben Techniker zahlreiche technologiegestützte Anwendungen entwickelt. So gibt es Teppiche, die Hilfe rufen, wenn der Bewohner gestürzt ist und nicht mehr aufstehen kann. Bewährt hat sich auch ein System, das Herd und Licht ausschaltet, wenn der betagte Mieter die Wohnung verlässt. Das Potenzial ist groß: Laut einer Umfrage von 2017 ist jeder zweite Befragte im Alter von über 60 Jahren überzeugt, dank AAL länger in der eigenen Wohnung bleiben zu können.

Nicht übersehen werden sollte aber, dass viele Senioren noch fit sind. Der wachsende Anteil der Hochbetagten und Pflegebedürftigen bedeute nicht, „dass wir alle Wohnungen so umbauen müssen, dass sie für alte, körperlich beeinträchtigte Menschen bewohnbar sind“, sagt Bettina Harms von der Geschäftsleitung der Beratung Analyse & Konzepte. Auch der finanzielle Aspekt spielt eine Rolle: „Man darf nicht vergessen, dass Aufzüge hohe Betriebskosten verursachen.“

Vonovia baut bei neuen Wohnungen barrierearm und barrierefrei – trotzdem hält Arnd Fittkau einen grundsätzlichen Hinweis für wichtig. „Senioren kommen bei der aktuellen Diskussion um Wohnraum insgesamt zu kurz“, sagt er. Sie hätten bei dieser Frage, trotz der Alterung der Gesellschaft, noch eine viel zu kleine Lobby.

»Barrierearme Wohnungen ermöglichen Menschen eine Pflege in den eigenen vier Wänden. Die deutlich teurere und oft nicht gewollte stationäre Pflege im Heim lässt sich so häufig vermeiden«

Matthias Günther, Leiter des Pestel Instituts
Foto: Olaf Delke

Urbanisierung: Der Zug in die Städte hält an

Manchmal ändern sich Einschätzungen verblüffend schnell. Noch bis 2008 förderte die Kulturstiftung des Bundes das Projekt „Shrinking Cities“. Heute wirkt das fast surreal. Denn die Städte wachsen wieder – und zwar weltweit. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass im Jahr 2050 gut zwei Drittel aller Menschen in Städten leben werden; heute sind es 55 Prozent. Auch in Deutschland wird der Anteil der Stadtbewohner der Prognose zufolge zunehmen, und zwar von heute 77 Prozent auf 84,3 Prozent im Jahr 2050. Schon in den letzten Jahren haben die meisten deutschen Großstädte in erheblichem Ausmaß Einwohner gewonnen. In Berlin zum Beispiel erhöhte sich die Einwohnerzahl zwischen 2011 und 2017 um rund acht Prozent, in Leipzig sogar um etwa 14 Prozent.

„Der Druck auf die Großstädte bleibt bestehen“, stellt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einer aktuellen Studie fest. Dieser Druck führt dazu, dass Wohnungen knapp geworden und die Mieten stark gestiegen sind. Das hat Folgen, wie Reiner Braun sagt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Beratungsgesellschaft Empirica: „Seit etwa acht Jahren zeigt sich zunehmend die Tendenz, dass Haushalte ins Umland der Großstädte ziehen. Das bedeutet aber keine Abkehr vom Trend der Urbanisierung. Denn die Mehrheit der betreffenden Menschen würde lieber in der Stadt bleiben, wenn sie dort eine bezahlbare Wohnung fände.“

Bettina Harms von Analyse & Konzepte vergleicht die Situation schon mal mit einer „vollen Badewanne, die ins Umland schwappt“. Und manchmal schwappt sie weiter: Reiner Braun beobachtet, dass vor allem Studierende auf „Schwarmstädte der zweiten Reihe“ wie Schwerin, Chemnitz oder Magdeburg ausweichen.

Die Sogwirkung stellt die Wirtschaft vor Herausforderungen. Es sei „dringend nötig, gegen den in den Städten herrschenden Wohnungsmangel vorzugehen“, mahnt das BBSR. Arnd Fittkau von Vonovia sagt: „Wir müssen bauen. Die Frage ist, ob Kommunen das tatsächlich zur Chefsache erklären, denn daran hängen auch viele Investitionen in die Infrastruktur.“

Expertin Bettina Harms stellt zudem eine anhaltende Nachfrage nach kompakten Wohnungen mit effizienten Grundrissen fest. „In unseren Befragungen“, sagt sie, „hören wir immer wieder: Lieber wohnen wir auf kleiner Wohnfläche, dafür aber zentral, als weit draußen eine große Wohnung zu haben.“ Arnd Fittkau beobachtet das auch. „Der Trend geht zurück.Um weniger bezahlen zu müssen, nehmen Menschen zunehmend in Kauf, dass es wieder kleiner wird.“ Und das hält an, glaubt er.

Vor allem private Projektentwickler und Investoren sehen aus diesem Grund in Mikro­apartments Potenzial. Das sind Kleinwohnungen bis etwa 25 Quadratmeter, die meist komplett möbliert angeboten werden. Doch Empirica-­Vorstand Braun rät zur Vorsicht: „Wenn eines Tages wieder ausreichend Wohnungen zur Verfügung stehen, wollen die Menschen nicht mehr auf 20 Quadratmetern wohnen.“

Nur

15,7

Prozent der Deutschen wohnen 2050 laut UN auf dem Land. 1990 lag der Anteil bei 26,9 Prozent

Klima­wandel: Der mühsame Weg zur Energieeffizienz

In der Frankfurter Speicherstraße steht eines der energieeffizientesten Wohngebäude Deutschlands. Das „Aktiv-Stadthaus“ der AGB Frankfurt Holding ist ein Plus-Energie-Haus, das dank Dämmung, Photovoltaikanlage und Abwasserwärmetauscher mehr Energie erzeugt, als seine Nutzer verbrauchen.

Solche Projekte sieht die Politik gern. Sie hat die Immobilienwirtschaft in die Pflicht genommen, denn rund 30 Prozent der deutschen CO2-Emissionen stammen von Gebäuden. Ziel der Bundesregierung ist es, dass bis 2050 der gesamte Gebäudebestand nahezu klimaneutral sein wird.

Doch ist es sinnvoll, dieses Ziel durch immer dickere Dämmschichten und immer komplexere technische Anlagen zu erreichen? Nein, sagt Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. „Wir sind mit der Energieeffizienz und dem Klimaschutz im Gebäudesektor in einer Sackgasse angekommen.“ Problematisch ist für Gedaschko vor allem, dass die Politik die teuersten Maßnahmen am stärksten fördert und nicht die, die mit geringen Kosten einen hohen Nutzen bringen.

Ein Beispiel dafür könnte die Erzeugung erneuerbarer Energien vor Ort sein. Doch hier legt die Politik Unternehmen, die ihren Mietern vor Ort erzeugten grünen Strom anbieten, Steine in den Weg – seit diesem Jahr verschlechtern sich die finanziellen Rahmenbedingungen.

Aber die Hände in den Schoß legen kann die Wohnungswirtschaft nicht. Die derzeitigen Anstrengungen, kritisiert jedenfalls Andreas Kuhl­mann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (dena), seien „nicht ausreichend, um die Klimaschutzziele und damit die anvisierte Treibhausgasreduzierung im Gebäudebereich zu erreichen“. Um das zu ändern, sind nach Ansicht der Immobilienwirtschaft Anreize nötig. Es sei „ein großer Fehler, dass die in der Koalitionsvereinbarung vorgesehene steuerliche Abschreibung der energetischen Gebäudesanierung bisher nicht eingeführt worden ist“, kritisiert ZIA-Sprecher Klaus-Peter Hesse. Immerhin: Für die Zukunft hat der Bund diesen Schritt inzwischen auf seiner Agenda.

Das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz zeigt sich auch bei der energetischen Modernisierung. Seit Beginn des Jahres dürfen Eigentümer nur acht Prozent jährlich statt wie bisher elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Miete umlegen. Gleichzeitig beklagen Mietervertreter, die Nutzer würden zu stark zur Kasse gebeten. Vonovia hat deshalb erklärt, keine Modernisierungen vorzunehmen, die zu einer Steigerung von mehr als zwei Euro pro Quadratmeter führen. „Kein Mieter soll aufgrund einer Modernisierung ausziehen müssen“, so Vorstandschef Rolf Buch.

Auf

312

Mrd. € schätzt Roland Berger den Markt für energiesparende Gebäude im Jahr 2025. 2016 waren es nur 133 Mrd. Euro

»Um die Klimaschutzziele zu erreichen, müssen wir mit technologieoffenen Lösungen arbeiten und in Quartiers­zusammenhängen denken«

Klaus-Peter Hesse, Sprecher der Geschäftsführung, ZIA
Foto: Ulf Büschleb

„Herausforderungen machen nicht an Landesgrenzen Halt

Nationale Egoismen gefährden den Zusammenhalt in Europa. Die globalen Probleme, zu denen auch der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zählt, müssen allerdings gemeinsam gelöst werden. Ein Kommentar von Rolf Buch

Die Megatrends, die darüber entscheiden, wie wir künftig wohnen, machen nicht an Landesgrenzen halt. Einwanderung, Urbanisierung, demografischer Wandel oder auch der Klimaschutz sind Aufgaben, denen sich alle in Europa stellen müssen. Zum Beispiel die Migrations- und Fluchtbewegungen. Gesellschaften durchmischen sich, innerhalb Europas, aber auch durch Zuwanderung aus anderen Teilen der Welt. Integration findet nicht nur im Bereich Arbeit und Bildung statt, sondern zuerst in den Wohnquartieren. Das Wohnen in einer stabilen, nach Nationalitäten, Alter, Bildung und sozialer Herkunft durchmischten Nachbarschaft ist eine unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration. 

Wie kann man Quartiere neu und integriert denken – bezogen auf das Bauen und das Quartiermanagement? Wichtig sind vor allem zwei Dinge: Zum einen, Wohnangebote zu schaffen, die unterschiedlichen Ansprüchen etwa an Größe, Zuschnitt und Preis genügen. Zum anderen, Orte und Räume zu entwickeln, an denen Kontakte und damit gelebte Nachbarschaft entstehen können. Dafür sind hohe Investitionen in Gebäude und Umfeld erforderlich. Alleine können es Wohnungsunternehmen nicht schaffen. Hier müssen neben den sozialen Trägern und den Bewohnern auch die Kommunen, der Bund und die Länder mitwirken.

Neue Konzepte gesucht
Ein zweites Thema ist die Urbanisierung. Überall in Europa zieht es Menschen in die Städte. Sie gehen aber nicht nur nach Berlin, Paris, Madrid oder Rom, sondern auch zunehmend in die mittelgroßen Städte. Damit stehen viele Länder vor einer ähnlichen Herausforderung: Sie benötigen Konzepte für bezahlbaren Wohnraum. Diese Aufgabe duldet keinen Aufschub, denn Wohnungsnot kann gesellschaftliche und politische Entwicklungen nach sich ziehen, die eine Demokratie herausfordern und nationale Egoismen fördern können. Wir in Deutschland benötigen konkrete bauordnungs- und bauplanrechtliche Änderungen, um sowohl Nachverdichtungen als auch den Neubau im Siedlungszusammenhang sowie die Aufstockung von bestehenden Gebäuden zügiger und kostengünstiger zu realisieren. Um den Prozess zu beschleunigen, muss auch die Digitalisierung der Planungs- und Genehmigungsverfahren vorangetrieben werden.

Ein dritter Punkt: Die Bürger werden immer älter. Im Jahr 1990 lag das Medianalter, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt, in der EU noch bei 35 Jahren. Aktuell liegt es bereits bei knapp 43 Jahren. Dabei entwickelt sich Europa nach einer Analyse des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung auseinander: Auf der einen Seite der englischsprachige Raum, weite Teile Frankreichs, Teile der Benelux-Staaten sowie Skandinavien, wo sich Geburten und Sterbefälle die Waage halten und Zuwanderung für Wachstum sorgt. Auf der anderen Seite die südlichen und östlichen Randgebiete, die durch Sterbeüberschüsse und Abwanderung doppelt leiden.

»Das Wohnen in einer durchmischten Nachbarschaft ist eine unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration«

Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender Vonovia SE
Foto: Vonovia

Günstige, effektive Maßnahmen
In Deutschland werden in den Jahren nach 2035 voraussichtlich knapp 24 Millionen Menschen leben, die älter als 65 Jahre sind. Damit wird Wohnen zu einer gesellschaftlichen Herausforderung. Das Forschungsunternehmen Prognos sagt bis 2030 einen zusätzlichen Bedarf von 2,9 Millionen altersgerechten Wohnungen voraus. Nötig sind Konzepte, die es älteren Menschen ermöglichen, durch auf sie zugeschnittene Leistungen möglichst lange in ihrer Wohnung zu bleiben. Viel wäre gewonnen, wenn Förderprogramme, auch im Wege des direkten Zuschusses, auf wenig kostenintensive, aber sehr effektive Maßnahmen ausgerichtet würden, wie etwa den Einbau einer barrierearmen Dusche.

Und, viertens: Auch die Bedrohungen durch den Klimawandel lassen sich nicht in nationalen Alleingängen lösen. Der größte Hebel, über den die Wohnungswirtschaft in Europa zum Klimaschutz beitragen kann, ist die Aufwertung des Bestandes. Die bundesweite Sanierungsquote von einem Prozent reicht dazu jedoch bei weitem nicht aus. Ziel der Regierung ist es, jährlich mindestens drei Prozent zu sanieren.

Doch es regt sich Widerstand, wenn Wohnungsunternehmen energetische Modernisierungsmaßnahmen durchführen und einen Teil der Kosten, etwa für die Dämmung von Fassaden oder den Austausch alter Fenster, auf die Mieten umlegen. Ein Grund dafür ist möglicherweise die mangelnde Offenheit gegenüber neuen Technologien. Die Bevölkerung in anderen europäischen Ländern, etwa in den Niederlanden oder in Schweden, ist aufgeklärter und experimentierfreudiger. Von ihnen sollten wir lernen, um die Treibhausminderung voranzubringen. Aber auch die Politik ist gefordert: Sie muss klären, wie die erforderlichen, zum Teil auch niedrigschwelligen Maßnahmen finanziert werden sollen.

Gesetzliche Regeln: Wie Vorgaben das Bauen blockieren

Mathias Münch hat als Partner in der Rechtsanwaltskanzlei BRL Boege Rohde Luebbehuesen mit zahlreichen Unternehmen zu tun, die Wohnungen bauen. Deren Sorgen kennt er gut. „Brandschutz, Schallschutz, Wärmeschutz, Barrierefreiheit und Stellplatzvorgaben: Das sind die Punkte, die bei Wohnungsbauvorhaben am häufigsten Konfliktpotenzial enthalten“, sagt Münch.

Unternehmen und Bauträger berichten landauf, landab von Hindernissen, die Vorhaben verzögern, verteuern oder verhindern. Zwar gibt es für viele Vorschriften gute Gründe, schließlich will niemand, dass Häuser leicht in Brand geraten. Im Einzelnen aber erschweren sie den Bau. Manchmal muss ein aufwendiger zweiter Rettungsweg gebaut werden, manchmal ist der Lärmschutz so streng, dass sich Wohnungen nur mit großem Aufwand errichten lassen. „Es ist unfassbar, was es alles an Vorschriften gibt“, sagt Andreas R. Becher, Vorsitzender des Landesverbands Berlin des Bundes Deutscher Architekten. Laut ZIA hat sich die Zahl der relevanten Normen, Vorschriften und Regeln zwischen 1990 und 2015 vervierfacht, auf knapp 20.000.

Diese Flut an Vorschriften auf EU-, Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene trägt wesentlich dazu bei, dass das Bauen teurer geworden ist. Seit dem Jahr 2000, so rechnet Dietmar Walberg vor, sind die Bauwerkskosten um 61 Prozent gestiegen. Walberg ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. in Kiel, die bundesweit die Kosten von Wohnungsneubauten auswertet. Allerdings, gibt er zu bedenken, „ist der Wohnungsbau nicht nur wegen gesetzlicher Vorschriften teurer geworden, sondern auch wegen der gestiegenen Anforderungen der Mieter“.

20

Tausend neue Verordnungen: Zwischen 1990 und 2015 hat sich die Zahl der gesetz­lichen Regelungen vervierfacht, auf heute knapp 20.000

Quelle: BBSR; Oberer Gutachterausschuss für Grundstückswerte Niedersachsen

Was sich gegen die Kostenexplosion tun lässt, hat die vom Bundesbauministerium eingesetzte Baukostensenkungskommission untersucht. Sie empfiehlt „eine verpflichtende Folgenabschätzung für die Kosten des Wohnens für alle Entwürfe von Gesetzen, Verordnungen und Normen“. Umgesetzt wurde die Empfehlung bisher nicht. Besonders vertrackt ist die Situation, weil jedes Bundesland eine eigene Bauordnung hat. Unternehmen, die an mehreren Standorten Projekte realisieren, müssen jeweils unterschiedliche Regeln zu Abstandsflächen oder Autostellplätzen beachten. Hinderlich ist das vor allem für das serielle Bauen, von dem sich Experten eine Senkung der Kosten versprechen.

»Wenn kaum eine Alleinerziehende, ein Polizist oder eine Krankenschwester eine Wohnung in einer Stadt wie München finden, dann läuft etwas falsch«

Arnd Fittkau, Vorsitzender der Regionalgeschäftsführungen, Vonovia
Foto: Felix Mayr/Vonovia

Könnte eine einheitliche Bauordnung das lösen? Walberg ist skeptisch. „Wenn alle 16 Landesbauordnungen zusammengeführt würden, bestünde die Gefahr, dass das Geflecht an Vorschriften noch komplizierter würde.“ Der Experte schlägt vor, auf Länderebene eine Vereinfachung anzustreben. Hamburg sei hierbei vorangegangen. Dort muss beim Dachausbau in bestimmten Fällen kein Fahrstuhl mehr eingebaut werden. Außerdem dürfen jetzt auch höhere Gebäude aus dem umweltfreundlichen Baustoff Holz errichtet werden.

+ 27 %

Quer durch alle Städte und Kreise sind die Boden­preise in Deutschland im Schnitt um 27 Prozent gestiegen

Flexibilisierung: Wohnwünsche verändern sich mit der Lebensphase

Es ist ein ungewöhnliches Projekt, für das Stadt und Land – eine Wohnungsbaugesellschaft des Landes Berlin – im Januar Richtfest feierte. In Neukölln entsteht ein Ensemble, das neben konventionellen Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen 17 Atelierwohnungen und sieben WGs umfasst. Zudem soll ein begrünter Hof die Kommunikation unter den Mietern fördern.

Mit diesem „beispielhaften Projekt innerstädtischer Nachverdichtung“ (Stadtentwicklungs­senatorin Katrin Lompscher) greift Stadt und Land einen Trend auf. „Vor allem bei jungen Bewohnern setzt sich der Sharing-Trend durch“, so Beraterin Bettina Harms. „Sie sagen, dass man nicht alles selber besitzen muss, sondern es mit anderen teilen kann.“ Das gelte für Autos und Fahrräder genauso wie für Räume zum Arbeiten oder Feiern. „In zentralen Lagen kann es für Wohnungsunternehmen sinnvoll sein, Co-Working-Spaces oder andere gemeinsam nutzbare Räume vorzusehen.“

Nun ist das zwar nicht ganz neu, wie die Nachbarschaftstreffpunkte zeigen, die es bei vielen Wohnungsgenossenschaften und -gesellschaften schon lange gibt. Doch die Studie „Wohntrends 2035“, die Analyse & Konzepte im Auftrag des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen zusammen mit dem Forschungsinstitut InWIS erarbeitet hat, zeigt, dass die Fragmentierung der Gesellschaft zugenommen hat. „Die Wohnwünsche differenzieren sich immer weiter aus“, so Harms.

Einer dieser Wünsche zielt auf kleine, möblierte Wohnungen, die für kurze Zeit angemietet werden und für Studierende, Projektmitarbeiter und Berufseinsteiger attraktiv sind. Allerdings kommen Mikroapartments nur für fünf Prozent der in der GdW-Studie Befragten in Betracht. Dass nicht alle Mieter Kleinstwohnungen in Kombination mit Gemeinschaftsräumen suchen, belegt auch eine Kantar-Emnid-Studie im Auftrag von Vonovia. Demnach hält der „Homing“-Trend an, eine Lebensart, bei der man seine Freizeit vorzugsweise in den eigenen vier Wänden verbringt – und dafür benötigt man ausreichend Platz.

Man sieht: Die Lebensentwürfe der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sind sehr unterschiedlich. Weil sich gesellschaftliche Trends zudem schnell wandeln, müssen Anbieter passende Strategien entwickeln. „Grundsätzlich ist es immer empfehlenswert, möglichst wenige tragende Wände vorzusehen und so eine möglichst große Flexibilität zu erzielen“, sagt Bettina Harms. Und dann hat sie noch einen Tipp: „Unsere Erfahrung zeigt, dass Mieter gern ein kleines zusätzliches Zimmer haben.“ Ob sie dieses als Gästezimmer, Arbeitszimmer oder Bastelraum nutzen – das können die Mieter ganz flexibel selbst entscheiden.

Für viele Menschen ist das aber Luxus geworden, so Arnd Fittkau von Vonovia. „Wenn kaum eine Alleinerziehende, ein Polizist oder eine Krankenschwester noch eine Wohnung in einer Stadt wie München findet“, sagt er, „dann läuft etwas falsch.“ Das müsse sich ändern – und dieser Verantwortung will er sich stellen.

78 %

Was muss eine Traumimmobilie für Sie bieten? Eine Einbauküche! Sie landete auf Platz 1 der Wohnwünsche bei einer Umfrage 2018