by inBauen on10. Februar 2017 Kommentare deaktiviert für Platt gegen Pläne: Bauverbot für das Allgemeinwohl?

Platt gegen Pläne: Bauverbot für das Allgemeinwohl?

Ein Buchautor fordert ein komplettes Bauverbot – bestens untergebrachte urbane Egoisten finden das gut. Doch es treibt Wohnungssuchende hinaus aus den Städten

Verbietet das Bauen! Sofort, vollständig und überall in Deutschland. Das meint Daniel Fuhrhop aus Oldenburg wirklich ernst und hat ein Büchlein mit diesem Titel geschrieben. Der frühere Verleger von Architekturbroschüren meint: Räume haben wir doch mehr als genug, nimmt man den Mittelwert von München und Mecklenburg, von leeren Altbüros und gefragten Apartments. Erstmal füllen wir die alle auf, bevor wir einen einzigen Quadratmeter neu bauen.
Absurd? Fuhrhop tingelt damit eifrig durch die Lande und findet Widerhall auf Vortragsabenden, in Beteiligungsverfahren und bei Protestveranstaltungen. Manche nicken zu seiner Forderung, weil sie über unser aller Zukunft besorgt sind und das Glück in Reduzierung und Verzicht sehen. Aber auch andere stimmen ihm zu: Menschen, die selbst gut untergebracht sind und gerade ein Bauprojekt in ihrer Umgebung verhindern wollen, weil es ihren Fernblick aus dem schönen Heim bedroht, den Hundeauslauf um die Ecke oder den urbanen Kleingarten mit Mini-Pacht.

Bloß keine neuen Nachbarn!

Sie suchen Argumente, die nicht ganz so egoistisch wirken wie ihre wahren Motive – und werden bei Fuhrhop fündig: Jeder Neubau sei schlecht für Natur, Frischluftschneisen, Energieverbrauch und auch für die Gerechtigkeit, weil Neubauten nur für Reiche seien: „Bauen spaltet die Gesellschaft. Bauen ist unsozial.“ Unliberal übrigens auch: „Bauen bedroht unsere Freiheit.“
Aber was tun mit den wachsenden Städten? Ihnen empfiehlt Fuhrhop „Anti-Stadtmarketing“ – sie sollten „darin investieren, Zuzügler abzuschrecken, um so die Ungleichheit der Regionen in Deutschland zu mildern“. Statt in Düsseldorf einen guten Job zu nehmen, bauen die Leute in der Oberpfalz und der Niederlausitz den Wohnungsleerstand ab, und alle sind glücklich.

Nur scheinbar fürs Gemeinwohl

Mit solchen Forderungen versuchen gut etablierte Stadtbürger ihren Protest gegen den Neubau nebenan moralisch zu legitimieren. Nicht mehr sie selbst sind schuld, wenn andere nichts finden. Sondern die anderen sind frech und unverantwortlich, wenn sie die Stadt infiltrieren, wenn ihre Familie wächst oder wenn ihr Betrieb expandiert. Im Effekt weisen sie Zuzügler jeder Art so rigoros ab wie manche Leute Flüchtlinge. Beide Abwehrhaltungen treffen sich in Fuhrhops zweitem Buch, in dem er Flüchtlinge mit der Feststellung begrüßt: „Neubau für Neubürger ist unnötig.“ Fuhrhop reklamiert für sich, das Gemeinwohl zu vertreten. Wer ihm folgt, möchte sich den Betreibern und Befürwortern von Neubau moralisch überlegen fühlen. Dumm nur, dass diese Haltung am Ende das Gegenteil des Gewollten bewirkt. Neubaugegner, die es vor allem in den Städten gibt, zwingen Bauwillige nach draußen, wo sie Landschaft zersiedeln, mehr Auto fahren und oft mehr Wohnfläche haben als drinnen. All das ist denen drinnen egal – Hauptsache, die Neuen bauen nicht vor der eigenen Tür. Dabei stellt Fuhrhop auch ein paar handfeste Ideen vor, Flächen ohne Zwang besser zu nutzen – zum Beispiel Leerstandskataster, Tauschbörsen, sparsameres Wohnen oder die Aufwertung heute unattraktiver Orte. Aber das geht unter in seinem autoritären und unzeitgemäßen Ruf nach dem großen Bauverbot.

Paul Lichtenthäler

ist Pressesprecher der Bundesarchitektenkammer und seit über 20 Jahren im Bereich Planen und Bauen tätig

Illustration: André Gottschalk

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