by inStädte & Quartiere on20. Juni 2018 Kommentare deaktiviert für Aschenputtel im Glück

Aschenputtel im Glück

Häuser verschönern, Energie sparen, den Freiraum ringsum aufwerten und bei allem die Mieter erfreuen und finanziell schonen – das ist in einem Bremer 
Projekt musterhaft gelungen

Wer die Modernisierung eines Wohnquartiers unbedingt kritisieren will, der findet fast immer etwas: Entweder es ist zu teuer oder es passiert zu wenig. Angestammte Bewohner ziehen weg oder erwünschte ziehen nicht her. Die Auffrischung kommt zu spät oder zu früh. Das Ergebnis stimmt energetisch oder ästhetisch nicht. Das Umfeld ist immer noch zu ungepflegt, oder es ist neuerdings zu steril.

Beim Schweizer Viertel in Bremen hört man von alldem nichts. Vom „Gewinn für den Stadtteil“ spricht das führende Lokalblatt „Weser-Kurier“ und zitiert die Mieterin Melanie Jabben: „Die Situation hat sich merklich verbessert, ich muss nicht mehr so viel heizen. Jetzt sieht es sehr schick aus. Und die Miete ist für mich zu verkraften.“

Grund genug für die Frage: Was zeichnet so ein Erfolgsmodell der Quartiersmodernisierung aus? Da ist zuerst ein Aschenputtel-Effekt: Wechselnde Eigentümer hatten das Quartier lange vernachlässigt; baulich wie sozial sackte es immer mehr ab. Aykut
 Tasan, Quartiersmanager im Amt für Soziale Dienste der Stadt Bremen: „Irgendwann habe ich mich gefragt: Kann es noch tiefer sinken?“ Es sank nicht mehr, als Vonovia aktiv wurde. „Höhere Lebensqualität für die Bewohner“ nennt Ulrich Schiller, Geschäftsführer für die Region Nord, als Ziel: „Wir müssen und wollen Sorge tragen, dass das Notwendige an den Häusern und ringsum geschieht – aber nichts, was die Bewohner überfordert.“ Heute ist die Verwandlung vom früher vernachlässigten zum jetzt gepflegten Quartier besonders gut sichtbar und spürbar. Das einstige Aschenputtel wird dafür bewundert.

Erfolgsmethode 2: Nichts passierte über die Köpfe der Bewohner hinweg. Gerade im Schweizer Viertel leben viele Menschen, denen das sonst oft genug passiert. Mehr als die Hälfte hat einen Migrationshintergrund; ein Viertel bekommt für den Lebensunterhalt Transfermittel. Doch Aykut Tas˛an hebt hervor: „Gerade für diese Menschen ist es wichtig, dass man ihnen Wertschätzung entgegenbringt. Das schafft Identifikation mit dem Ort, ermutigt zum Wahrnehmen von Angeboten und zum Aktivwerden.“

»Es ist wichtig, den Menschen Wertschätzung zu zeigen«

Aykut Tasan, Quartiersmanager für die Stadt Bremen

Niemand wird verdrängt
Wertschätzung zeigten der Bremer Vonovia Regionalleiter Thorsten Prietz und Tas˛an zum Beispiel, als sie zur Bewohnerveranstaltung einluden. „Das Haus war voll; da kamen ungefähr 100 Leute“, erzählt Tas˛an. Und Mieter wie Melanie Jabben hörten erleichtert, dass an den Häusern viel geschehen, die Miete aber nur moderat um rund einen Euro pro Quadratmeter steigen sollte. Thorsten Prietz: „Kein Bewohner sollte deswegen wegmüssen.“ Auch nach der Modernisierung kostet der Quadratmeter für angestammte Mieter meist weniger als sechs Euro – und für neue Mieter bis etwa 6,50 Euro, nachdem Vonovia auch das Wohnungsinnere gründlich aufgefrischt hat.

Dritter Grund für den guten Verlauf sind die sichtbar verschönerten Häuser. Nach langem Ergrauen tragen sie jetzt frische, aber nicht aufdringliche Farben, wirken sauberer und optisch pfiffiger. Und während sich früher manche für ihre Adresse im Schweizer Viertel schämten, sind jetzt viele stolz darauf, dass sie an Häusern in Großschrift prangt – am Lachmundsdamm zum Beispiel, einem Eingangstor zur Siedlung, das nach einer Bremer Bauernfamilie benannt ist. Die vierte, damit eng zusammenhängende Qualität ist die des Freiraums. Ungepflegtes Gebüsch ist verschwunden oder ordentlich beschnitten; Wege wurden erneuert und Leuchten strahlen nachts heller. „Früher gab es unübersichtliche, dunkle Ecken“, erinnert sich Tas˛an. „Jetzt kann man wieder sehen und gesehen werden – alles wirkt viel sicherer.“ Dazu kommen praktische Details, vom neuen Fahrradbügel bis zum Geländer an der Außentreppe, das Älteren das Bewältigen der Stufen erleichtert. Wo es ging, sind Stufen und Schwellen auch ganz verschwunden. Was aber Bewohnern lieb und teuer war, ist geblieben: Bänke und Sitzgruppen vor dem Haus zum Beispiel für den Draußen-Schwatz nach Feierabend.

Privat oder Stadt? Mietern egal
Ein weiterer wichtiger Punkt: die in der Nachbarschaft stark vertretene städtische Gesellschaft GEWOBA und die privatwirtschaftliche Vonovia sehen sich nicht als Konkurrenten. Beide wollen vielmehr ihren Kunden das Beste bieten. Tas˛an: „Für die Mieter ist es heute ziemlich egal, bei wem sie wohnen. Bei Qualitäten und Mieten spüren sie keinen großen Unterschied.“ Auch Geschäftsführer Ulrich Schiller fährt aus Hamburg gern hin. „Ich freue mich immer, wie schön das geworden ist.“

6,50 Euro

pro Quadratmeter zahlen Neumieter im Schnitt für eine sanierte und modernisierte Wohnung.