by inWirtschaft & Unternehmen on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für Akzeptanz durch Kommunikation

Akzeptanz durch Kommunikation

Es ist schwer geworden, Kompromisse zu schließen – gegen Großprojekte formiert sich schnell Widerstand. Umso wichtiger ist es, den Dialog zu suchen. Ein Gastbeitrag von Frank Brettschneider

Bau- und Infrastrukturprojekte stoßen immer wieder auf Proteste. Stets artikulieren lokale Bürgerinitiativen ihren Unmut. Umwelt- und Naturschutzverbände springen ihnen bei, zum Teil instrumentalisieren Parteien die Konflikte für Wahlen. Dem „Spiegel“ war dies 2010 eine Titelseite wert. Darauf sah er Deutschland auf dem Weg in die „Dagegen-Republik“, angetrieben von „Wutbürgern“. Diese Begriffe sind umstritten. Unstrittig ist hingegen, dass der Protest viele Wurzeln hat.

Da spielt sachliche, projektbezogene Kritik eine Rolle – Auswirkungen eines Projektes auf Umwelt und Natur, Kosten, Risiken. Aber auch das „NIMBY“-Phänomen ist zu beobachten – „Not in my Backyard“. Menschen sind dann etwa für die Energiewende. Aber sie lehnen das Windrad in ihrer Nachbarschaft ab. Und sie sind für bezahlbaren Wohnraum, aber gegen die Ausweisung neuer Baugebiete und innerstädtische Verdichtung. Dieses Sankt-Florian-Prinzip scheint zugenommen zu haben und dürfte mit dem wachsenden Wohlstand zusammenhängen: Je besser es Menschen geht, desto eher versuchen sie, das Erreichte zu schützen. Weitere Protestgründe sind mangelndes Vertrauen in Politik und Vorhabenträger. Und sehr oft: falsche Kommunikation. Zu spät, intransparent, von oben herab.

Hier sind Vorhabenträger und Politiker gefragt. Die Politiker müssen berechtigte Partikularinteressen gegen das Gemeinwohlinteresse abwägen und ihre Entscheidung verständlich und transparent begründen. Und Vorhabenträger müssen deutlich machen, welchen Beitrag sie zum Gemeinwohl leisten. Am ehesten finden sich gesellschaftlich tragfähige Lösungen, wenn sich Kommunikation nicht nur in Information erschöpft. Zusätzlich sind oft dialogorientierte Verfahren der informellen Beteiligung nötig – runde Tische, Info-Märkte, Dialog-Gruppen.

Dass sie sinnvoll sind, bestätigt eine Umfrage unter Vorhabenträgern in Deutschland und Österreich, die wir letztes Jahr durchgeführt haben. Die 97 untersuchten Projekte umfassen ein Investitionsvolumen von 85 Milliarden Euro. Die Einschätzung der Vorhabenträger lautet: In fast drei Viertel der Projekte ist der Nutzen der Kommunikation größer als ihre Kosten. Kommunikation und Beteiligung sind also nicht nur gesellschaftlich sinnvoll, sie zahlen sich auch aus. Die freiwillige Kommunikation habe in zwei Drittel der Fälle das Projekt positiv beeinflusst. Die Projektleiter gaben an, dass die Akzeptanz und das Vertrauen gestiegen sind. Kritik konnte früh gelöst werden. Auch wurde Gerüchten und Ängsten entgegengewirkt. Die Hälfte erklärte, die Einbindung aller wichtigen Gruppen habe die Diskussion versachlicht.

Am wichtigsten für den Kommunikationserfolg sind nach Ansicht der Vorhabenträger eine transparente Kommunikation (99 Prozent geben dies als wichtig an) und ihre eigene Glaubwürdigkeit (96 Prozent). Dazu gehört auch, dass der Bauherr einhält, was er öffentlich verspricht. Bei den eingesetzten Kommunikationsmaßnahmen ist die klassische Pressemitteilung meistgenutztes Mittel. Dann folgen Info-Veranstaltungen, Pressekonferenzen sowie Visualisierungen und Projekt-Websites.

Ein Drittel der Projekte ist aus Sicht der Vorhabenträger durch die Bürgerbeteiligung besser geworden. Die Expertise der Stakeholder habe Alternativen aufgezeigt und das Projekt inhaltlich optimiert.

Gesellschaftlich tragfähige Lösungen lassen sich also finden. Aber das geht nicht ohne systematische Kommunikation zwischen Bürgern, Verbänden, Initiativen, Vorhabenträgern, Politik und Verwaltung. Die Legitimation von Bau- und Infrastrukturprojekten beruht nicht nur auf gesetzlich vorgeschriebenen, formalen Rechtsverfahren. Sondern sie braucht auch eine frühe und dialogorientierte Kommunikation. Ich bin davon überzeugt: Wenn das Projekt gut ist, dann klappt das auch.

»Je besser es Menschen geht, desto eher versuchen sie, das Erreichte zu schützen«

Prof. Dr. Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim
Foto: Martin Egbert