by inWirtschaft & Unternehmen on10. Mai 2019 Kommentare deaktiviert für 100 Jahre Bauhaus: Welche Ideen bleiben?

100 Jahre Bauhaus: Welche Ideen bleiben?

Vor 100 Jahren begann die Bauhaus-Revolution. Sie vereinte Kunst und Architektur mit sozialen Fragen. Lässt sich daraus etwas für den Wohnungsbau der Zukunft lernen?

Die Siedlung: Der Frankfurter Bau „Am Lindenbaum“ wurde 1930 von Walter Gropius entworfen.

Weiße Flachbauten und Stahlrohrmöbel. Klare Formen und Strukturen. Wer über Bauhaus spricht, hat schnell Bilder im Kopf, die sich über die letzten 100 Jahre eingeprägt haben. Dem Gründer Walter Gropius und seinen Kollegen ging es aber um mehr. 

Bauhaus, das war ihr Versuch, Kunst und Architektur in Einklang zu bringen – unter Berücksichtigung sozialer Faktoren. Im Vordergrund sollte nicht mehr die Frage stehen, wie viele Zimmer eine Familie benötigt und wie man möglichst günstig wohnen kann. Stattdessen sollte jeder Mensch in einem Umfeld wohnen, das als Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden dient – das sozialkritische Ziel der Moderne. Die Kunst sollte wieder gesellschaftlichen Aufgaben dienen.

Der Bauhaus-Gründer (7. v. l.) inmitten seiner Kollegen, u. a. Paul Klee (4. v. r.) und Wassily Kandinsky (5. v. r.)

Kann sie das heute, zum Bauhaus-Jubiläum, wieder leisten? Lässt sich etwas aus der Epoche lernen und auf die Zukunft übertragen, in einer Zeit, in der über das Wohnen so ausführlich gestritten wird wie lange nicht mehr?

„Man kann das nicht direkt übertragen“, sagt Steffen de ­Rudder. „Das Bauhaus ist 100 Jahre alt. Die Lösungen von damals beziehen sich auf die Probleme von damals, das kann man nicht recyceln. Aber wir können es auf einer Metaebene tun.“ De Rudder ist Architekt und Städtebauprofessor an der Bauhaus-Universität Weimar. Um diese Metaebene zu verstehen, muss man in die Bauhaus-Geschichte eintauchen.

Walter Gropius gründete das Staatliche Bauhaus mit der Vision, dem Neuen nach dem Krieg eine Lobby zu geben. Er wollte alte Muster aufbrechen. Kunst und Handwerk sollten im Gleichgewicht stehen, für ihn gab es keinen Unterschied zwischen Künstlern und Handwerkern. Jeder mit Talent und Vision durfte kommen. ­Gropius verfasste ein Manifest, in dem er Programm und Ziel unter anderem so festhielt: „Bilden wir also eine neue Zukunft ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft.“

Dem rhetorisch begabten Gründungsdirektor gelang es, bekannte Architekten und Künstler nach Weimar zu holen, etwa den abstrakten Maler ­Wassily ­Kandinsky, Paul Klee und den Kunstpädagogen und Maler ­Johannes ­Itten.

Itten prägte den Unterricht durch seinen „Vorkurs“, den alle Studierenden durchlaufen mussten, um sich mit Materialeigenschaften und Prinzipien der Produktgestaltung vertraut zu machen. Hinzu kam ­Ittens eigene Art, den Unterricht mit Musik, Theater und Rhythmus-Lehre zu gestalten. Die
Tracht des Lehrmeisters war Teil seiner religiösen Überzeugung; sie war Teil des „Mazdaznan“-Kults, der strikte Regeln vorschrieb: Vegetarismus, Meditation, Heilfasten und Atemübungen.

Steffen de Rudder beschränkt die Lehren Ittens lieber aufs Inhaltliche. „Der Grundkurs war großartig und ist auch heute noch verwendbar. In meiner Lehre beziehe ich mich sehr gerne darauf. Es ist die Idee, völlig unabhängig von irgendwelchen Funktionen zu entwerfen. Es geht um abstrakte Dinge wie Komposition, Licht, Schatten und Materialität. Diese Methode ist vollkommen zeitunabhängig.“

Licht, Luft und Sonne – das war der Kerngedanke. Natürlich waren es vor allem die „Meisterhäuser“, in denen man von alldem ausreichend zur Verfügung hatte und die noch heute ins Auge fallen. Sie spiegeln den Charakter deutlich wider, diese kubusförmigen Bauten mit großen Fensterfronten, aus Beton, Stahl und Glas, klar und stilsicher in ihrer Ausführung. Häuser, die schnell unter Luxusverdacht gerieten, denn eigentlich war die Motivation der Bauhäusler eine andere.

Neues Bauen: Walter Gropius entwarf mit Studierenden Modelle von Serienhäusern (1922, oben) – Georg Muche ging weiter und schuf für ein Musterhaus in Weimar den Vorläufer der Frankfurter Küche (unten)

»Die Radikalität, Missstände zu erkennen – da kann Bauhaus ein Vorbild sein«

Steffen de Rudder, Professor an der Bauhaus-Universität Weimar

Sie wollten gute Architektur auch für ärmere Schichten zugänglich machen. Und Teil sein der Wohnreformbewegung, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte mit dem Ziel, die damalige Wohnungsnot zu lindern. Eine Lösung musste her, und die sollte die menschlichen Bedürfnisse einbeziehen, weg vom Gedanken, nur einfache Unterkünfte für möglichst viele Menschen zu schaffen. Bereits in der Weimarer Verfassung wurde versprochen, „jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern“. ­Walter ­Gropius, Le ­Corbusier und der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May nahmen diese Herausforderung an und planten Siedlungen.

Der Stadtplaner Siegfried Berg, der bei Vonovia die Abteilung Städtebau und Grundstücksmanagement leitet, hat etwas aus dieser Zeit mitgenommen: „Ernst May war besonders prägend für uns. Er war der einzige Planungsdezernent in der Weimarer Republik, der seine Ziele konsequent umgesetzt hat: bezahlbarer Wohnungsbau mit den Mitteln, die man hatte. Und im Grunde gab es ja kaum Mittel.“ Allein in Frankfurt entstanden zwischen 1925 und 1930 rund 12.000 neue Wohnungen in Mays Auftrag.

Auf dem Weg zur Einbauküche: Dieser Vorläufer zeigte 1926/27, wie eine Kücheneinrichtung mit Abwaschtisch, Kochherd und Müllbehälter in der Wand aussehen kann

Das Konzept war simpel, aber neu: Es waren seriell vorgefertigte Gebäudeteile bis hin zum kompletten Badezimmer, die von ­Gropius in Modulbauweise entworfen wurden. Schneller, günstiger, effizienter – das konnte er vor allem zwischen 1926 und 1928 in Dessau-Törten erproben. Die Siedlung mit 314 Reihenhäusern, die bis heute besteht, kam vom Fließband. Was zunächst im Widerspruch zu Gropius’ Konzept der Selbstversorgung stand. Aber zu den klar strukturierten Häusern aus Beton und Stahl gehörte jeweils ein Gemüsegarten – und sogar ein Kleintierstall war einheitlich angebaut.

Farben und Formen: Das Bauhaus war mehr als Architektur – wie der österreichische Künstler Herbert Bayer 1923 bewies, als er ein Treppenhaus des Weimarer Bauhauses bemalte

»Die Bauhaus-Idee des reellen und kostenbewussten Wohnungsbaus war maßgebend«

Siegfried Berg, Vonovia Architekt

Die Frage, ob man aus dieser Zeit und von diesen Projekten etwas auf die heutige Zeit und die Lösung der anstehenden Probleme übertragen kann, ist für den Städtebauprofessor Steffen de Rudder müßig. „Bauhaus hat für den Städtebau nicht viel geleistet“, sagt der Dozent. Allerdings sieht er einen anderen Vorteil. „Das waren immer politisch-planerische Allianzen. In Frankfurt etwa zwischen Ernst May als Stadtbaurat und Architekt und dem Oberbürgermeister ­Ludwig ­Landmann. Genauso in Berlin: ­Martin ­Wagner war Stadtbaurat und ­Bruno Taut der Architekt. Wenn man sich die Rezepte der 1920er-Jahre mal ansieht, kann man diesen Zusammenhalt erkennen, die gemeinsame Arbeit von Politik und Planern. Das ist etwas, das man heute übernehmen könnte.“

Essen wie die Gelehrten: Für die Meisterhäuser in Dessau entwarf Architekt Walter Gropius dieses Esszimmer – mit einem Kandinsky-Gemälde an der Wand (Aufnahme: 1926)

Auch Stadtplaner Siegfried Berg, dessen Arbeitgeber Vonovia mehrere Bauhaus-Siedlungen in Frankfurt gehören, sagt: „Was damals städtebaulich entworfen wurde, würde den Fragen von heute nicht mehr gerecht werden, weil es andere Antworten gibt. Allerdings war die Idee des reellen und kostenbewussten Wohnungsbaus für eine bestimmte soziale Gruppe schon maßgebend.“

Viele der Siedlungen stehen heute unter Denkmalschutz, ihr Charakter soll erhalten bleiben. Für die Architekten bedeutet das: Modernisierung und Aufstockung ja, vollständiger Um- oder Neubau nein. „In diesem Zuge haben wir die alten Farbtöne benutzt, die damals en vogue waren. Und wir konnten die Ansprüche an das hybride Wohnen aufgrund der heutigen Statik noch verbessern, also Licht und Luft noch mehr in die Grundrisse hineinholen“, sagt Berg.

Charismatischer Vordenker: Walter Gropius gründete 1919 das Bauhaus und lockte zahlreiche bekannte Künstler an seine Schule

Es ist also eine Frage der Einstellung. Bauhaus war kein Stil, es war eine Haltung, eine Schule. „Das heißt nicht, dass man hundert Jahre später nichts daraus lernen kann, aber es war eben in diese gigantische Geschichte eingebunden: Erster Weltkrieg, Abschaffung der Monarchie, Weimarer Republik, Revolution. Das lag alles gerade erst hinter denen und relativiert die Verlängerbarkeit in die heutige Zeit stark“, gibt de Rudder zu bedenken. „Aber diese Radikalität, Missstände zu erkennen, zu reagieren und sich wirklich an den Problemen der Zeit zu orientieren – da kann Bauhaus weiterhin großes Vorbild sein.“

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